Christoph Lumer

„Integrative Wirtschaftsethik besser ohne Diskursethik“



((1)) Peter Ulrich hat sich in seiner Abhandlung „Integrative Wirtschaftsethik - Grundlagenreflexion der ökonomischen Vernunft“ 1 ein großes Pensum vorgenommen: 1. eine allgemeine (Vernunft-)Ethik vorzustellen, 2. den Ökonomismus und diverse verengte Wirtschaftsethiken zu kritisieren, 3. die Grundorientierungen sowohl 3.1. der ökonomischen Aspekte einer Theorie des guten Lebens als auch 3.2. der Wirtschaftsethik zu klären und 4. eine Theorie der Orte der Umsetzung der Wirtschaftsmoral zu entwickeln (7). Exzellent gelungen und verdienstvoll erscheint mir davon die Ökonomismuskritik und die Kritik verengter Wirtschaftsethiken: Ulrich weist immer wieder zu recht darauf hin, daß das erste Thema einer Wirtschaftsethik die moralische Kritik und Begründung des - keineswegs außermoralischen - Wirtschaftssystems selbst sein muß und daß individuelles wirtschaftliches Handeln Spielräume für Moralität hat und moralischen Ansprüchen genügen muß. Die Überlegungen zu einer Theorie der ökonomischen Aspekte des guten Lebens (insbesondere die Idee einer ökonomischen Selbstbeschränkung zur Entfaltung außerökonomischer Potentiale) sind sehr knapp, aber vielversprechend. Im folgenden gehe ich auf diese Teile von Ulrichs Ausführungen nicht weiter ein, sondern werde einige Bemerkungen zu den anderen Teilen des Aufsatzes machen.

1. Die Orte der Umsetzung der Moral

((2)) Ulrichs Topologie der Moral sieht zum einen vor, daß Moral in Institutionen verankert werden muß: Institutionen und soziale Normen allgemein schaffen nicht nur verläßliche Regelmäßigkeiten, sondern auch zusätzliche Motive zu moralischem Handeln (42). Der andere Ort der Umsetzung der Moral sind die Handlungen der Individuen, die nicht nur alltäglichen Moralansprüchen genügen, sondern auch zur politischen Etablierung einer moralischen Gesellschaftsordnung beitragen müssen (43; 46).

((3)) Dies ist m.E. völlig richtig. Es sei nur folgendes ergänzt: Die Idee einer systemorientierten Moral, wie sie etwa Homann vertritt (Homann/Blome-Drees 1992, 35), daß die Moral in formalen, d.h. juristischen, Normen und Institutionen verankert werden muß, ist ja keineswegs falsch. Aber dies genügt aus drei Gründen nicht. 1. Zum einen gibt es neben den durch Normen gebotenen immer auch supererogatorische Handlungen. 2. Zum anderen bedürfen formale Normen immer der Ergänzung durch informelle Normen, die nur durch informelle Sanktionen gestützt sind, durch externe, soziale Sanktionen (von Äußerungen der Mißbilligung über Boykottmaßnahmen und Streiks bis notfalls hin zu physischer Gewalt) sowie interne Sanktionen (schlechtes Gewissen und gesunkene Selbstachtung). Denn formale Normen können nicht alles regeln; es gibt immer Bereiche, die a) wegen der Vielfalt und Singularität der zu berücksichtigenden Faktoren formal nur zu schwerfällig oder gar nicht zu regeln sind (z.B. Verpflichtungen aus Treuebeziehungen) oder b) in denen eine offizielle Überwachung nicht erwünscht oder zu aufwendig ist (z.B. in persönlichen Beziehungen auch am Arbeitsplatz) oder c) die neue Problemlagen aufwerfen, für die noch keine Regelungen vorgesehen sind (z.B. neue Möglichkeiten zur Produktion schädlicher Güter). Informelle Normen müssen und können in solchen Fällen einspringen, weil sie viel flexibler sind, weil sie nicht auf ausformulierten Einzelregeln, sondern Prinzipien basieren und weil sie potentiell durch viel mehr „Sanktionsagenten“ unterstützt werden. Für Moralität reicht es also nicht aus, die formalen Normen zu befolgen. 3. Schließlich fallen auch formale Normensysteme nicht vom Himmel, sondern müssen erst historisch durchgesetzt werden; und die vorhandenen formalen Normensysteme sind nicht einfach ideal - auch die europäischen sozialen Marktwirtschaften nicht -; vielmehr ist ein historisch langfristiger (sehr langsamer und von vielen Rückschritten durchsetzter) Fortschritt der Durchsetzung höherer moralischer Standards zu verzeichnen (s. Lumer 2000b). Dieser Fortschritt tritt nur unter folgenden Voraussetzungen ein: 3.1. Vorhandene formale Normen erzeugen nicht unmittelbar formale moralische Pflichten, sondern nur mittelbar, nämlich vorbehaltlich einer moralischen Bewertung, daß es sich um moralisch gute Normen handelt. Ggf. kann sogar die informelle oder sogar unvollständige (durch keinerlei externe Sanktionen abgestützte) moralische Pflicht bestehen, formelle Normen zu verletzen, nämlich dann, wenn diese einen erheblichen moralischen Rückschritt bedeuten (z.B. Kriegssteuern). 3.2. Der Prozeß der Durchsetzung höherer moralischer Standards erfolgt häufig so und nur so, daß diese zunächst (vollständig oder ansatzweise) auf der informellen Ebene (oder anfänglich sogar nur auf der Ebene unvollständiger Pflichten) realisiert werden (z.B. Konsumentenboykotts zur Durchsetzung höherer Menschenrechts- oder Umweltstandards (etwa gegen die Apartheid oder die Brent Spar-Versenkung)). Diese informellen Normen erzeugen durchaus informelle moralische Pflichten. 3.3. Es gibt informelle und unvollkommene moralische Pflichten zu moralpolitischem Engagement, d.h. u.a. Engagement für die informelle und formelle Durchsetzung höherer moralischer Standards und für die Verteidigung vorhandener Standards durch Aufklärung und Sanktionen.

2. Ethische Grundlagen: Diskursethik als allgemeine Vernunftethik?

((4)) Ulrich wählt - nach einer Reihe allgemeiner Erläuterungen über Moral 2 - ohne weitere Begründung die Diskursethik als Grundlage seiner Wirtschaftsethik (11), und zwar, wie an seinem wirtschaftsethischen Moralkriterium 3 (13) abgelesen werden kann, in der Habermasschen Version. Auf eine Begründung des zugrunde gelegten allgemeinen Moralkriteriums zu verzichten ist innerhalb eines Aufsatzes zur angewandten Ethik 4 zwar legitim, trotzdem kann die getroffene Wahl aber falsch sein. Und dies ist m.E. das Hauptproblem von Ulrichs integrativer Wirtschaftsethik.

((5)) Zum einen sind die Begründungsprobleme der Diskursethik notorisch, sowohl in der Habermasschen (Kritik: Lumer 1997a) als auch in der Apelschen Version (Kritik: Lumer 1997b). Habermas beispielsweise hat seine eigenen Begründungsversuche mehrfach geändert, weil er sie für falsch hielt, und dabei nach und nach auch den Begründungsanspruch erheblich zurückgenommen: Anfänglich sprach er noch von einer „Ableitung“ des Universalisierungsgrundsatzes (Habermas 1983/1993, 103), später nur noch von einem „Begründungsprogramm“ (Habermas 1991, 134), anscheinend weil er auch seine letzte Begründung nicht mehr für triftig hält - womit er völlig recht hat (Geschichte, Rekonstruktion und Kritik dieser Begründungen: Lumer 1997a, Abschn. 2).

((6)) Zum anderen ist das Habermassche diskursethische Moralkriterium völlig unklar. Ulrich übernimmt diese Unklarheiten und vergrößert sie z.T. noch: Eine Handlung oder Institution sei „ökonomisch vernünftig im integrativen Sinn“, wenn „freie und mündige Personen [sie] in der vernunftgeleiteten Verständigung unter allen Betroffenen als legitime Form der Wertschöpfung bestimmt haben könnten“ (13). Das Problem ist, daß die Spielregeln dieser „vernunftgeleiteten Verständigung“ und der Charakter des „Bestimmens“ völlig offen sind. Eine erste Interpretation ist, daß es sich um eine Vertragsverhandlung (unter bestimmten Bedingungen) handelt, deren einvernehmliches Resultat dann per definitionem legitim wäre. Dies kann Ulrich aber nicht meinen, weil er eine kontraktualistische Moralbegründung aus guten Gründen ablehnt (31). Eine zweite Interpretation ist, daß es sich um einen Diskurs handelt, in dem über die Wahrheit der Proposition diskutiert wird, daß eine bestimmte Handlung oder Institution legitim ist. Diese Interpretation kommt dem gemeinten Sinn vermutlich am nächsten. Aber für solch einen Diskurs ist nicht die Beteiligung aller Betroffenen, sondern nur die Beteiligung gut informierter Personen erforderlich. Und vor allem kann dann die zitierte Definition nicht mehr das Moralkriterium sein; denn solch ein Diskurs setzt schon Wahrheitskriterien für ‘Legitimität’ oder ‘Moralität’ voraus, weil das Thema des (laufenden) Diskurses ist, die Einhaltung dieser Kriterien zu überprüfen; dann kann aber nicht der einvernehmliche Abschluß des Diskurses das Wahrheitskriterium sein. Da Ulrich sich erstaunlicherweise gegen eine konsensualistische Interpretation der Diskursethik verwahrt (11), wäre als dritte Interpretation möglich, daß es sich um eine Debatte mit demokratischer Abstimmung und (eventuell qualifizierter) Mehrheit für die Handlung oder Institution handelt. Aber auch dies wird Ulrich nicht meinen, da er weiß, daß demokratische Abstim- mungsergebnisse kein Garant für Moralität sind. Vermutlich ist irgendeine Mischung aus diesen Elementen gemeint. Wie sie aussehen soll, bleibt aber ebenso offen wie, ob irgendeine Mischung dieser Elemente eine sinnvolle Form der verbalen Auseinandersetzung ergibt (vgl. Lumer 1997a, Abschn. 4).

((7)) Zum dritten ist, selbst wenn eine Lösung des zweiten Problems vorausgesetzt werden könnte, das diskursethische Kriterium nicht anwendbar; mit ihm können die Fragen der angewandten Ethik nicht beantwortet werden: Es verweist immer auf den faktischen oder hypothetischen Ausgang einer „vernunftgeleiteten Verständigung unter allen Betroffenen“. Eine faktische Verständigung unter allen Betroffenen (zudem mit den erforderlichen Qualifikationen: vernunftgeleitet, freie und mündige Personen, der fragliche Gegenstand wird als legitim bestimmt) wird es bei keiner wichtigeren wirtschaftsethischen Fragestellung geben, weil nie alle Betroffenen zugegen sein werden. (Selbst alle Individuen könnten bei jedem Euro, den sie ausgeben, dieses Geld z.B. auch für die Dritte Welt oder die Eindämmung des Treibhauseffektes spenden; damit wären schon immer einige Bewohner der Dritten Welt oder Angehörige künftiger Generationen betroffen.) Und das Ergebnis einer bloß als hypothetisch angenommenen Verständigung kann nicht konstruktiv ermittelt werden, weil die Diskursethik dazu keine Handhaben (etwa operationale Bewertungsmaßstäbe) liefert und nicht liefern will, um dem Ergebnis des Diskurses nicht vorwegzugreifen.5 Eine Ethik, deren Moralkriterium aber nicht anwendbar ist und somit keine moralische Bewertung von Alternativen liefern kann, ist für die angewandte Ethik nicht zu gebrauchen.

3. Wirtschaftsethische Anwendungen - aber nicht der Diskursethik

((8)) Im eigentlichen positiven Teil der angewandten Ethik macht Ulrich einige Vorschläge für die s.E. moralische Form der wirtschaftlichen Rahmenordnung: Vorrang der Grundfreiheiten im Sinne Rawls’ (39), aber verstärkt um das Recht auf Verwirklichung des eigenen Lebensentwurfs (39) und starke Wirtschaftsbürgerrechte (41), Rawls’ Differenzprinzip (Maximinprinzip der Einkommen) (40). Diese Vorschläge sind mir von der Tendenz her nicht unsympathisch.6 Auffällig ist aber zum einen, daß keiner von ihnen begründet wird und vor allem nicht aus dem diskursethischen Moralprinzip begründet wird - was nach der Diagnose im vorigen Abschnitt ja auch gar nicht möglich ist. Ulrich übernimmt vielmehr nur vorwiegend Vorschläge von Rawls, der diese jedoch bekanntlich ganz anders begründet (mit einem im Urzustand anzuwendenden entscheidungstheoretischen Instrumentarium).

((9)) Auffällig ist zum anderen der starke Forderungscharakter von Ulrichs Vorschlägen, daß sie als aus der Perspektive eines Individuums entwickelt erscheinen, das Forderungen an die Wirtschaft stellt, ohne aber systemische Implikationen zu reflektieren. (Beispielsweise kann es ein Recht auf Verwirklichung des eigenen Lebensentwurfs (39), im Sinne beliebiger Lebensentwürfe, die Individuen haben, nie geben; jede Gesellschaft muß solchen Plänen Grenzen setzen.) Eine wirkliche moralische Begründung von Grundstrukturen eines Wirtschaftssystems müßte vielmehr diverse solche Systeme vergleichen, in allen ihren Konsequenzen für das Wohlergehen (inklusive Art und Umfang der individuell verfügbaren Konsumgüter, aber auch der vorhandenen Freiheiten, Freizeit, Bildungsstand, medizinische Versorgung etc.) aller Betroffenen analysieren und sie daraufhin moralisch bewerten. Das moralisch beste System wäre moralisch absolut begründet; schlechtere Systeme könnten, gemessen an dem jeweils historisch aktuell Realisierbaren, moralisch relativ begründet sein. (Selbstverständlich kann solch eine Begründung nicht in einem Artikel mit einem derartig breiten Themenspektrum durchgeführt werden, aber Andeutungen wären immerhin möglich gewesen.)

((10)) Daß das diskursethische Moralkriterium bei einer solchen Begründung nicht als Bewertungsmaßstab geeignet ist, wurde bereits dargelegt. Für die Zwecke der angewandten Ethik weit besser zu gebrauchen sind vielmehr welfaristische Ethiken, die die Moralität von Handlungen und Institutionen über ihre Wünschbarkeiten für alle Betroffenen definieren. Welfaristische Ethiken müssen keinesfalls sofort utilitaristisch sein, also diese Wünschbarkeiten der einzelnen Betroffenen einfach addieren - was zu bekannten Problemen der Verteilungsgerechtigkeit führt. Sie können Gerechtigkeitsforderungen aufnehmen, insbesondere Verbesserungen für die Schlechtergestellten viel stärker gewichten (Lumer 1997c; Lumer 2000a, Kap. 7; Nagel 1991, Kap. 7). Der Vorteil solcher welfaristischen Kriterien - von der besseren Begründung einmal ganz abgesehen - für die angewandte Ethik, insbesondere die Wirtschaftsethik, ist, daß sie nicht nur operationale Kriterien liefern, sondern bei der Entscheidung auch alle Vor- und Nachteile berücksichtigen und gegeneinander abwägen (statt sich auf - immer einseitige - qualitative Betrachtungen beschränken zu müssen). Dies ist ja auch der Sinn ökonomischer Kalküle, nur daß sich diese auf die monetären Vor- und Nachteile beschränken. Eine Wirtschaftsethik auf der Basis (insbesondere gerechtigkeitsorientierter) welfaristischer Ethiken könnte damit genau die Funktion der von Ulrich gewünschten Interdisziplin (3) wahrnehmen, in der u.a. wirtschaftliche Rahmenordnungen moralisch bewertet werden.

Anmerkungen