Prof. Dr. Peter Ulrich

Integrative Wirtschaftsethik: Grundlagenreflexion der ökonomischen Vernunft

Hauptartikel EuS 11(2000)4 S.555 ff.

Zusammenfassung: In der anhaltenden Debatte um die Grundlegung einer modernen Wirtschaftsethik geht der nachfolgend vorgestellte St. Galler Ansatz der "integrativen Wirtschaftsethik" einen eigenen, dritten Weg zwischen den beiden konventionellen Ansätzen von Wirtschaftsethik als "angewandter Ethik" einerseits und (angewandter) "normativer Ökonomik" andererseits. Er versteht sich als eine philosophische Vernunftethik des Wirtschaftens. Diese setzt an mit der Kritik der "reinen" ökonomischen Vernunft, indem sie ihr auf den normativen Grund leuchtet, und zielt auf eine andere, ethisch integrierte Idee vernünftigen Wirtschaftens im Kontext einer wohlgeordneten Gesellschaft freier und gleicher Bürger. Das ist mehr als eine akademische Übung im Elfenbeinturm, geht es doch um eine der entscheidenden normativen Orientierungsfragen der Zeit, nämlich um die ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem herrschenden Ökonomismus.

Summary: The St. Gallen approach of "integrative economic ethics" opens new vistas in the ongoing debate on sound ethics in business and economics. Avoiding the traps of both conventional approaches, business ethics as "applied ethics" on the one hand and (applied) "normative economics" on the other, integrative economic ethics starts from a critique of "pure" economic reason by illuminating its normative background. It aims at an ethically integrated conception of a reasonable economy within the context of a well-ordered society of free and equal citizens. This is more than an academic exercise in the ivory tower, as one of today's decisive questions of normative orientation is at stake: the critical discussion on the predominant ideology of economism.



I. What is it all about? Das konstitutive Thema von Wirtschaftsethik


((1)) "Das gegenwärtige Interesse an einer Wirtschaftsethik ist auf jeden Fall rätselhaft", wunderte sich Wolfgang Kersting (1996: 191) vor einigen Jahren. Denn um ihr als spezieller ethischer (Inter-) Disziplin eine klare wissenschaftsprogrammatische Identität zu geben, "müsste ein Normenbereich kenntlich gemacht werden, den sie in Eigenregie bewirtschaften könnte" - so Kersting (a.a.O.) mit unüberhörbar spöttischem Unterton. Dass er in den beiden herkömmlichen Ansätzen von Wirtschaftsethik als "angewandter" Ethik einerseits und normativer Ökonomik andererseits einen abgrenzbaren "Normenbereich" als spezifischen Reflexionsinhalt von Wirtschaftsethik nicht zu erkennen vermochte, hat durchaus Gründe, wie wir noch sehen werden. Doch es gibt ihn! Die spezifische, im guten Sinne zeitgemäße, sowohl von der "angewandten" Ethik als auch von der heutzutage gelehrten Ökonomik vernachlässigte Aufgabe von Wirtschaftsethik ist in der philosophischethischen Kritik der ökonomischen Vernunft oder dessen, was dafür gehalten wird, zu erkennen. Und das meint: Es ist der normative Gehalt der ökonomischen Rationalität selbst, den es ethisch-kritisch zu ergründen und möglicherweise neu zu begründen gilt.


((2)) Das Normative steckt immer schon in der ökonomischen "Sachlogik" drin - es muss ihr nicht erst als etwas ihr Äußerliches und Sachfremdes, als das Andere der ökonomischen Vernunft, hinzugefügt oder übergestülpt werden, vielmehr ist es im ökonomischen Rationalitätsmuster aufzudecken und im Lichte ethischer Vernunft zu reflektieren. Genau diese Einsicht ist der systematische Ansatzpunkt integrativer Wirtschaftsethik (Ulrich 1998). Auf eine für das Selbstverständnis der heutigen ökonomischen Theorie zugegebenermaßen provokative Kurzformel gebracht, geht es im Kern darum, die ökonomische Ratio "zur (praktischen) Vernunft" zu bringen. Dies ist nicht abwertend gemeint, sondern ergibt sich als praktische Herausforderung aus dem Sachverhalt, dass sich das ökonomische Rationalitätsverständnis seit der neoklassischen Herausbildung einer "reinen" Ökonomik (im Gegensatz zur klassischen Politischen Ökonomie) von deren ganzer Axiomatik her der philosophisch-ethischen Selbstreflexion versperrt.


((3)) Als relativ eigenständige Interdisziplin füllt integrative Wirtschaftsethik eine Reflexionslücke, die bisher auch von der philosophischen Ethik weitgehend offen gelassen worden ist, möglicherweise aus gewissen Berührungsängsten gegenüber der Wirtschaftstheorie. Man muss sich eben zunächst einmal vertieft auf die geistes- und dogmengeschichtlich voraussetzungsreiche ökonomische Axiomatik und Logik einlassen, um deren normative Tiefenstrukturen wahrnehmen zu können und nicht vorschnell dem Anschein der "reinen" Sachlichkeit der heute gängigen, wirkungsmächtigen ökonomischen Denk- und Argumentationsform zu erliegen. Wo dies geschieht, womöglich gar im Namen "angewandter" philosophischer Ethik, kommt gewollt oder ungewollt ihr Gegenteil heraus, nämlich eine Apologetik des - schon von Max Weber (1988: 12) als Inbegriff des "modernen Wirtschaftsethos" durchschauten - "ökonomischen Rationalismus". Tritt dieser mit dem Anspruch auf, die ökonomische Ratio, im Sinne ihrer neoklassischen Definition als Effizienz (nutzenmaximierender Einsatz knapper Mittel), verkörpere schon die ganze ökonomische Vernunft, so übernimmt er die ideologische Funktion des Ökonomismus und wird so zu einer Weltanschauung, die im Jargon der puren Sachrationalität einer grenzenlosen Ökonomisierung unserer Lebensformen, der Gesellschaftsordnung sowie des Denkens ("ökonomischer Imperialismus") das Wort redet. Der Ökonomismus ist wohl die Großideologie der Gegenwart - und diese damit alles andere als das postideologische Zeitalter: Kaum je zuvor hat eine einzige ideologische Argumentationsform weltweit einen vergleichbaren Einfluss ausgeübt. Die integrative Wirtschaftsethik versteht unter diesen Umständen die Ökonomismuskritik als ihre systematisch erste und vordringliche Aufgabe - als ein Stück nachholende Aufklärung (s. Teil III).


((4)) Wissenschafts- und zeitgeschichtlich ist Wirtschaftsethik als ein kompensatorisches Phänomen einzustufen: Sie füllt die Lücke, welche die einst bei den Klassikern nicht zufällig aus der Moralphilosophie hervorgegangene Politische Ökonomie mit ihrer neoklassischen Ausdünnung zur "reinen", von ethischen Kategorien abgekoppelten Ökonomik hinterlassen hat. Im gegenwärtigen Bewusstwerden dieser Lücke spiegeln sich veränderte Problemerfahrungen, die in den etablierten Wirtschaftswissenschaften bisher keinen angemessenen Widerhall finden: Nicht mehr nur die Beseitigung von (Ressourcen- und Güter-) Knappheit durch Effizienzsteigerung ("Rationalisierung"), sondern die Bewältigung der vielfältigen gesellschaftlichen (Wert- und Interessen-) Konflikte um die Verteilung der (internen und externen) Kosten und Nutzen des Rationalisierungsprozesses rückt immer mehr ins Zentrum politisch-ökonomischer Debatten. Es mangelt heute weniger an einer ausdifferenzierten Funktionslogik des marktwirtschaftlichen Systems als vielmehr an der Einbindung der "entfesselten" Systemdynamik in menschlich sinnvolle, gesellschaftlich legitime und hinsichtlich ihrer (ökologischen und anderen) Fernwirkungen auf spätere Generationen verantwortbare normative Handlungsorientierungen und Rahmenbedingungen. Da die Mainstream Economics sich auf die systemische Funktionslogik spezialisiert hat, bleibt sie den sozialökonomischen Problemlagen der Lebenswelt gegenüber prinzipiell ratlos. Der zeitgenössische "Ruf" nach Wirtschaftsethik fällt also nicht vom Himmel eines weltfremden Idealismus; als weltfremd wird heute von unverbildeten Zeitgenossen eher die Neigung der akademischen Ökonomik empfunden, alle aktuellen Herausforderungen des (welt-) wirtschaftlichen Strukturwandels eindimensional in Kategorien "rein" ökonomischer (System-) Rationalität zu betrachten.


((5)) Integrative Wirtschaftsethik setzt als kritische Grundlagenreflexion der normativen Voraussetzungen vernünftigen Wirtschaftens an, oder kürzer: als Vernunftethik des Wirtschaftens. Es geht ihr, kantianisch formuliert, um die ethischvernünftige Orientierung im politisch-ökonomischen Denken, und das heißt: um die methodisch disziplinierte, ethisch tragfähige Begründung bzw. Kritik aller Geltungsansprüche, die im Namen der ökonomischen Vernunft erhoben werden. Statt sich mit der Rolle als "das Andere der ökonomischen Vernunft" zu begnügen, mischt sie sich grundlagenkritisch in diese ein, um die normativen Voraussetzungen einer anderen, ethisch integrierten ökonomischen Vernunft zu klären. Konstitutiv für Wirtschaftsethik als relativ eigenständige und praktisch bedeutsame Interdisziplin ist aus dieser Perspektive die Klärung der Form des rationalen Umgangs mit Fragen des gesellschaftlichen Wirtschaftens und weniger die Bereitstellung "anwendbarer" Problemlösungen für konkrete Einzelfragen.


((6)) Von hier aus wird auch die pädagogische Bedeutung integrativer Wirtschaftsethik deutlich: Den Studierenden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ebenso wie jenen der praktischen Philosophie und Ethik gilt es die nötige kategoriale Differenzempfindlichkeit, ein tragfähiges Orientierungswissen und die Reflexionskompetenz zu vermitteln, damit sie sich - als mündige und verantwortungsbewusste Wirtschaftsbürger - über ihre Haltung zu den zentralen ethisch-politischökonomischen Gegenwartsfragen klar werden und dem herrschenden Jargon der sich wertfrei und interessenneutral gebenden ökonomischen Sachlogik argumentativ präzis begegnen können. Darüber hinaus richtet sich integrative Wirtschaftsethik an akademische Ökonomen, die bereit sind, den keineswegs erledigten Grundlagenstreit über "scope and method of economics" auf dem heutigen Niveau von Philosophie und Ethik wieder aufzunehmen (Seifert 1989: 25). Diesbezüglich möchte sie beitragen zum "Abschied vom Ökonomismus innerhalb der ökonomischen Theorie auf philosophischen Wegen" (Mittelstraß 1985: 31; ders. 1990).


((7)) Integrative Wirtschaftsethik umfasst vier systematische Grundaufgaben: Zum Ersten gilt es propädeutisch ein tragfähiges Grundverständnis philosophischer Vernunftethik im Allgemeinen zu entfalten, um von da aus den spezifischen integrativen Ansatz einer Vernunftethik des Wirtschaftens zu entwickeln und von anderen, konventionellen Ansätzen der Wirtschaftsethik abzugrenzen. Zum Zweiten steht dann die Kritik der "reinen" ökonomischen Vernunft und ihrer normativen Überhöhung zum Ökonomismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen an. Zum Dritten gilt es in einer dem vernunftethischen Standpunkt angemessenen Weise normative Grundorientierungen lebensdienlichen (sinnvollen und legitimen) Wirtschaftens zu klären. Zum Vierten umfasst die integrative Wirtschaftsethik eine wirtschaftsethische Topologie, d.h. eine Konzeption der "Orte" der Moral des Wirtschaftens in einer modernen Gesellschaft. Die Abschnitte II bis V sind diesen vier Grundaufgaben gewidmet, die hier selbstverständlich nur programmatisch entfaltet werden können.



II. Der vernunftethische Standpunkt der Moral des Wirtschaftens

((8)) Das Phänomen der spezifisch humanen Moralität wurzelt in der prinzipiellen Willensfreiheit des Menschen: Der Mensch ist bekanntlich jenes seltsame Tier, dessen Verhalten nicht restlos instinktdeterminiert ist und das zu den verschiedenen Möglichkeiten des Tuns, zu sich selbst und zu anderen Stellung nehmen kann. Darin wurzelt das Moment der menschlichen Vernunft als das Vermögen, in kritischer Selbstdistanzierung von spontanen Impulsen und Intentionen nach Gründen zu entscheiden und zu handeln. Um moralische Gründe geht es dabei immer dann, wenn die grundlegenden normativen Leitideen und Bedingungen des Menschseins selbst, nämlich der "unantastbare" Status jedes Menschen als freies, selbstbestimmtes Subjekt und die wechselseitige Achtung und Anerkennung der Individuen in eben diesem Anspruch der unantastbaren Subjektqualität, der ihre personale Würde ausmacht, auf dem Spiel stehen. Der moralische Status der humanen Person ist genau gesehen ein doppelter: Einerseits sind alle Individuen prinzipiell in ihrer allgemeinen Gleichheit als Mitglieder der moralischen Gemeinschaft aller Menschen anzuerkennen, andererseits sind sie aber auch in ihrer konkreten Andersheit als unvertretbare Personen mit einmaliger Identität zu respektieren. Habermas (1996: 58) spricht in diesem Sinn von einem "differenzempfindlichen Universalismus".


((9)) Den moralischen Standpunkt einnehmen heißt, in der grundlegenden Symmetrie des zwischenmenschlichen Anspruchs auf "gegenseitige Anerkennung der Menschen als Wesen gleicher Würde" (Höffe 1980: 113) den verbindlichen Gesichtspunkt für das eigene Handeln ebenso wie für die Gestaltung der gesellschaftlichen Regeln des Zusammenlebens unter freien Personen wahrzunehmen. Moralität, modern gedacht, ist nichts anderes als der Inbegriff einer "durch Anerkennung intersubjektiv vermittelte(n) Freiheit" (Pieper 1991: 43). Moderne Ethik argumentiert daher stets für die in diesem Sinne wohlverstandene Freiheit und grenzt sich somit auf zwei Seiten ab: einerseits gegen die freiheitsbeschränkenden Moralzumutungen einer konventionellen Gehorsamsmoral und andererseits gegen Ansprüche auf schrankenlose Willkürfreiheit, die das "Recht" des Stärkeren zur Missachtung der Freiheitsbedingungen der Schwächeren meint. Eine Ethik der Freiheit, die ihren Namen verdient, zielt auf die gleiche Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder; sie eröffnet die Perspektive auf einen ethisch gehaltvollen Begriff des politischen Liberalismus, wie wir noch sehen werden.


((10)) Eine im philosophischen Sinne liberale Ethik hat von Grund auf einen universalen humanistischen Kern; ihr Geschäft ist die Explikation dieses Kerngehalts "innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" (Kant). Zu gewinnen ist dabei der Begriff ethischer oder praktischer Vernunft. Das ethische Vernunftmoment ist in der schon angedeuteten, tief in der Conditio humana verwurzelten sozialen Struktur aller Moral, in der Symmetrie der grundlegenden zwischenmenschlichen Verbindlichkeiten angelegt: "Eine Haltung, die sich nicht in die intersubjektive Forderungsstruktur stellt, ist überhaupt keine moralische" (Tugendhat 1993: 64). Die Chance und Aufgabe einer humanistischen Vernunftethik besteht darin, die universale normative Logik der Zwischenmenschlichkeit (Ulrich 1998: 23ff.) zu explizieren. Das kognitive Moment, das eine so ansetzende Vernunftethik trägt, ja letztlich als die Wurzel aller Moralität überhaupt zu begreifen ist, ist die humane Fähigkeit zum gedanklichen Rollentausch, also unser Vermögen, in Gedanken uns in die Lage eines Alter Ego zu versetzen und uns vorzustellen, "was wir selbst wohl in der gleichen Lage fühlen würden" (Smith 1985: 2). So gewinnen wir sowohl die Möglichkeit der Anteilnahme an den Empfindungen anderer (was Smith "Sympathie" genannt hat) als auch die Fähigkeit der kritischen Reflexion unseres eigenen wie auch fremden Handels hinsichtlich seiner moralischen Vertretbarkeit im Lichte derjenigen moralischen Ansprüche und Rechte, die wir uns vernünftigerweise nur wechselseitig zuerkennen können: Ego und Alter Ego können sich gegenseitig ihr moralisches Recht auf Achtung der Voraussetzungen ihrer personalen Subjektqualität und Würde nicht bestreiten, ohne als vernünftige Personen damit zugleich auch ihren eigenen korrespondierenden Anspruch zu widerrufen. Diese konkrete Reziprozität zwischenmenschlicher Verbindlichkeiten lässt sich in einem vernunftethischen Abstraktionsschritt zur regulativen Idee des universellen Rollentausches (ideal role-taking) in der ideellen Gemeinschaft aller Menschen ausweiten (Kohlberg 1981: 199ff., im Anschluss an Mead 1973: 300ff.).


((11)) Nicht eine bestimmte inhaltliche Interpretation, sondern die formale Symmetrie der moralischen Verbindlichkeiten zwischen allen Personen macht also das kognitive Moment moderner Vernunftethik aus. Die Suche nach einem ideellen Verfahren zur unparteilichen Begründung zwischenmenschlicher Verbindlichkeiten (Rechte und Pflichten) bildet die philosophiegeschichtliche Entfaltungslinie der Vernunftethik, von der in allen großen Weltkulturen bekannten "Goldenen Regel" über Smiths subtile Explikation des moralischen Standpunkt des unparteiischen Zuschauers (vgl. Ulrich 1991) und Kants Kategorischen Imperativ bis zu dessen transzendentalsprachpragmatischer Wendung in der Diskursethik (Apel 1973; Habermas 1991). Mit dieser erhält der Vernunftstandpunkt der Moral die Form einer verständigungsorientierten Einstellung, welcher prinzipiell der lexikalische Vorrang vor jeder (strategischen) Erfolgsorientierung zukommt; der öffentliche Diskurs wird nun als ideeller "Ort" der Moral in der modernen Gesellschaft identifiziert. Auch die Diskursethik stellt jedoch nur eine mögliche, wenn auch die bisher elaborierteste Form der Explikation des moral point of view dar, die freilich der Verteidigung gegen ihr landläufiges konkretistisches Missverständnis als einer speziellen "Konsensethik" bedarf (vgl. dazu Ulrich 1998: 78ff.).


((12)) Wenden wir uns nun der Perspektive einer Vernunftethik des Wirtschaftens zu. Deren erkenntnisleitendes Interesse bezieht sich - in knappster Form ausgedrückt - auf die Legitimitätsbedingungen wirtschaftlichen Nutzen-, Vorteilsoder Erfolgsstrebens im Lichte der moralischen Rechte (d.h. berechtigten Ansprüche) aller Betroffenen. Es geht also, entgegen einer beliebten Unterstellung der Moralökonomen gegenüber ihren Kritikern (Homann 1999: 55ff.), nicht etwa um die moralische Ablehnung allen "eigeninteressierten" Handelns als "Egoismus", sondern um eine ethisch integrierte Erfolgsorientierung: Moralische Personen zeichnen sich in ihrem Wirtschaftsleben keineswegs durch den pauschalen Verzicht auf privates Vorteilsstreben (also durch grenzenlosen Altruismus) aus, wohl aber dadurch, dass sie dieses vorbehaltlos abhängig machen von seiner Vertretbarkeit gegenüber jedermann. Denn das Prinzip der intersubjektiven Austauschbarkeit der Perspektiven (ideal role-taking) gilt selbstverständlich auch zwischen wirtschaftlichen Akteuren und Betroffenen: Alle beteiligten oder betroffenen Interessen sind zu prüfende "Kandidaten" (Thielemann 1996: 130) für möglicherweise legitime Ansprüche. "Gegebene" Interessen oder Ansprüche sind immer nur Gegenstand, niemals Maßgabe der moralischen Beurteilung. Die Lösung von Anspruchskonflikten ist daher stets unter eine doppelte Legitimitätsbedingung zu stellen: Zum einen soll das fragliche Wirtschaften gegenüber den Betroffenen verantwortbar sein, zum anderen aber sollen auch deren Ansprüche auf Selbstbegrenzung des Akteurs im Lichte seiner legitimen Ansprüche auf existenzielle Selbstbehauptung zumutbar sein (vgl. dazu Bausch 1994: 26; Thielemann 1994: 9ff.; Brune 1995: 87; Ulrich 1998: 156ff.).


((13)) Um in konkreten Entscheidungssituationen die Legitimität der verschiedenen, i.d.R. teilweise konfligierenden Ansprüche in unvoreingenommener Weise klären zu können, kommt es auf den erwähnten lexikalischen Vorrang ((11)) einer verständigungsorientierten vor einer erfolgsorientierten Einstellung an: Verantwortungsbewusste Wirtschaftssubjekte werden so weit und nur so weit auf die weitere Verfolgung ihrer privaten Partikularinteressen verzichten, wie diese sich im ideellen Rollentausch als nicht verallgemeinerbar und damit als nicht legitimierbar erweisen. Soweit umgekehrt die Legitimitätsbedingung nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt ist, bleibt die Verfolgung privater Ziele und Interessen den Akteuren in einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft freigestellt. Die beschriebene Rangordnung zwischen moralischen Gesichtspunkten und solchen des Eigeninteresses steht für nichts anderes als für den Primat der Ethik; sie hat nichts mit einer Vernachlässigung des ökonomischen Aspekts zu tun, sondern liegt im Wesen der "Sache" einer ethischen Integration der ökonomischen Rationalität, d.h. der Entwicklung einer unverkürzten, ethisch gehaltvollen Perspektive vernünftigen Wirtschaftens. Als ökonomisch vernünftig im integrativen Sinn - zur Unterscheidung vom "rein" ökonomischen Rationalitätskonzept lässt sich von sozialökonomischer Rationalität sprechen - kann demnach jede Handlung oder Institution gelten, die freie und mündige Personen in der vernunftgeleiteten Verständigung unter allen Betroffenen als legitime Form der Wertschöpfung bestimmt haben könnten (Ulrich 1997: 231). Diese sozialökonomische Rationalitätsidee hat als regulative Idee eines wirtschaftsethischen Diskurses natürlich einen ganz anderen methodischen Status als das analytisch anwendbare ökonomische "Rationalprinzip". Sie formuliert nicht mehr und nicht weniger als den moral point of view einer Vernunftethik des Wirtschaftens.


((14)) Eine so ansetzende Vernunftethik des Wirtschaftens gerät unweigerlich in Konflikt mit dem in der Axiomatik sowie im objektivistischen Wissenschaftskonzept der neoklassischen Ökonomik angelegten und daher bei den heutigen Ökonomen vorherrschenden ethischen Skeptizismus oder "Nonkognitivismus". Dieser hält es für unmöglich, einen universalen Gesichtspunkt ethischer Vernunft zu begründen: "Nach Auffassung des Nonkognitivismus sind alle rational rechtfertigungsfähigen Normen hypothetische Imperative kluger Interessenwahrung" (Kliemt 1992: 92). Wer die Kant'schen Kategorien zu unterscheiden gelernt hat, dem stehen bei einem derartigen Verständnis von "rational rechtfertigungsfähigen Normen" allerdings die Haare zu Berge. Nicht verwunderlich, hat sich aus einer solchen Reduktion von ethischer Vernunft auf strategische Klugheit seit längerem "in der Ökonomik selbst eine Tendenz zu einer scharfen Abgrenzung von der normativen Ethik ergeben" (Kliemt 1992: 92). In der Tat drängt sich hier eine systematische Abgrenzung integrativer Wirtschaftsethik von einem in der deutschen Debatte - und eigentlich nur in dieser - einflussreichen Ansatz auf, der Wirtschaftsethik auf Ökonomik zu reduzieren versucht.


((15)) Da die "reine" Ökonomik keine regulative Idee ethischer Vernunft anerkennt, leidet sie, sobald sie sich zur normativen Botschaft des idealen Marktes aufzuschwingen versucht, unter einer deontologischen Lücke (Ulrich 1990: 194ff.). Gleichwohl propagieren Vertreter einer "nonkognitivistischen" Position, am dezidiertesten wohl Karl Homann, das Programm einer normativen Ökonomik, die strikt mit einer - kategorial reduktionistischen - "Moralbegründung aus Interessen" (Homann 1989: 48) arbeiten will und sich nichtsdestotrotz als Wirtschaftsethik versteht, indem "Ökonomik als Ethik mit anderen Mitteln" (Homann 1994: 13; 1996: 180) ausgegeben wird. Wie ist das möglich? Der normative Gehalt derartiger Moralökonomik muss offenbar schon in den Interessen oder Präferenzen der Wirtschaftssubjekte und in ihrem systemischen Zusammenspiel auf dem Markt stecken. Allerdings werden die individuellen Präferenzen von der "modernen Ökonomik" ja gerade nicht normativ-kritisch reflektiert, sondern schlicht als "gegeben" betrachtet und prinzipiell "so hingenommen" (Kirchgässner 1991: 42). Dieser unkritische Umgang mit faktischen Präferenzen bedeutet nicht etwa eine vornehme ethische Neutralität, sondern einen strikten normativen Individualismus: Den Wirtschaftssubjekten sollen keine anderen Rationalitätsansprüche zugemutet werden als die kluge Verfolgung ihrer privaten Eigeninteressen; sie sollen daher von unmittelbaren Moralansprüchen möglichst restlos entlastet werden. Die "ethische" Aufgabe der gesellschaftlichen Interessenharmonisierung wird damit vollständig den (Anreiz-) Strukturen des Wirtschaftssystems überantwortet: "die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln" (Homann/Blome-Drees 1992: 35). Letztere sollen als (hinreichende!?) "funktionale Äquivalente" (Homann 1993: 41) personaler Moralität ganz unpersönlich, gleichsam hinter dem Rücken der Beteiligten wirken: "Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung", deshalb gilt: "Die Akteure sollen sich systemkonform verhalten" (Homann/Blome-Drees 1992: 35 bzw. 51). Dem wird im Rahmen der Ökonomismuskritik in Teil III nachzugehen sein.


((16)) Hier gilt die Aufmerksamkeit zunächst nur der systematischen Konsequenz dieser radikalen Verortung der "Moral" im ökonomischen System oder in dessen institutioneller Rahmenordnung für den Ansatz von Wirtschaftsethik als normativer Ökonomik. Die Folge ist nämlich eine auffällige Prägung der wirtschaftsethischen Fragestellung, die nach Homann/ Blome-Drees (1992: 14) folgendermaßen lauten soll: "Wirtschaftsethik (bzw. Unternehmensethik) befasst sich mit der Frage, welche moralischen Normen und Ideale unter den Bedingungen der modernen Wirtschaft und Gesellschaft (von den Unternehmen) zur Geltung gebracht werden können." (Hervorh. P.U.) Wegen dieser normativen Aufladung der systemischen (Funktions-) "Bedingungen der modernen Wirtschaft" lässt sich der normativ-ökonomische Ansatz auch als funktionalistische Wirtschaftsethik bezeichnen. Charakteristisch für sie ist aus der Perspektive des integrativen Ansatzes eine systematische Verkürzung, ja Verkehrung der wirtschaftsethischen Grundfrage, geht es doch aus integrativer Sicht keineswegs nur um die "Implementierung" von (welcher?) Moral unter den fraglos vorausgesetzten Funktionsbedingungen eines idealisierten marktwirtschaftlichen Systems (das mit "moderner Wirtschaft" gemeint ist), sondern zunächst gerade um die Legitimitätsbedingungen dieses Systems selbst (vgl. schon Ulrich 1994: 79).


((17)) Eine ähnliche Verkürzung der wirtschaftsethischen Perspektive wie im kritisierten Ansatz normativer Ökonomik ist auch bei einem dritten, international wesentlich häufiger vertretenen Ansatz zu konstatieren, der Wirtschaftsethik als "angewandte" Ethik auffasst. Nahezu unabhängig davon, welches Ethikkonzept hier "angewandt" werden soll, ist den verschiedenen Ausprägungen dieses Ansatzes - im deutschsprachigen Raum sind ihm sonst so verschiedene Positionen wie jene von Koslowski (1988) und Steinmann/Löhr (1994), im angelsächsischen Raum fast die gesamte Business Ethics zuzurechnen - die Prämisse gemeinsam, dass es darum gehe, ethische Gesichtspunkte in der Wirtschaft, d.h. "unter den Bedingungen der Marktwirtschaft", zur Geltung bzw. Wirkung zu bringen. Im Unterschied zum Ansatz der normativen Ökonomik werden diese "Bedingungen" im Konzept "angewandter" Ethik aber nicht (oder zumindest nicht bewusst) normativ idealisiert, sondern bloß als empirische Möglichkeitsbedingung bzw. -grenze des moralischen Handelns von Wirtschaftsakteuren aufgefasst und in ihrer normativen Tiefenstruktur gerade nicht reflektiert. Als symptomatische Konsequenz dieses Reflexionsstopps vor den vorgefundenen marktwirtschaftlichen "Anwendungsbedingungen der Ethik" kommt es zu einer methodisch unkontrollierten Affirmation des real existierenden marktwirtschaftlichen Systems - beispielsweise in Form der apodiktischen Aussage, dass das unternehmerische "Gewinnprinzip" (im Sinne einer Norm der Gewinnmaximierung) "auf Unternehmensebene nicht zur Disposition" stehe (Steinmann/ Löhr 1994: 110). Dieses Sachzwangargument wird noch Gegenstand der Ökonomismuskritik in Teil III sein.


((18)) Aus der Perspektive des integrativen Ansatzes besteht der systematische Mangel des Ansatzes von Wirtschaftsethik als "angewandter" Ethik in einer falschen "Zwei-Welten-Konzeption": Die Wirtschaft wird als bisher amoralische (nicht: unmoralische) Sphäre der "rein" ökonomischen Sachlogik betrachtet, der die Ethik als sachfremdes, äußeres Korrektiv entgegenzutreten habe, weshalb der Ansatz auch als korrektive Wirtschaftsethik bezeichnet werden kann. So fasst etwa Koslowski (1988: 31) mit Blick auf die Marktwirtschaft im Ganzen "Ethik als Korrektiv von Ökonomieversagen" (Marktversagen) auf; analog definieren Steinmann und Mitarbeiter Unternehmensethik als "situationales Korrektiv des Gewinnprinzips" (Steinmann/Löhr 1988: 308) und lassen letzteres in betriebswirtschaftlicher Tradition als (vermeintlich wert- und interessenneutrales) "Formalziel" (Steinmann/Löhr 1994: 110) gelten, statt es als solches einer ethisch-kritischen Reflexion zu unterziehen. Verkannt wird dabei stets, dass das systematische Kernproblem der Wirtschaftsethik eben nicht in der bloßen Anwendung von Ethik auf einen zuvor "ethikfreien" Objektbereich besteht, sondern in der (oben im Prinzip bereits vorgenommenen) Klärung des Verhältnisses zwischen zwei konkurrierenden, beidseits normativen Handlungsorientierungen, die einen jeweils universalen Geltungsanspruch als Inbegriff rationalen Handelns erheben: Der normativen Logik der Zwischenmenschlichkeit, wie sie die moderne Vernunftethik expliziert, steht die normative Logik des wechselseitigen Vorteilstausches unter strikt eigeninteressierten Individuen gegenüber, wie sie die reine Ökonomik als ebenso allgemeine Rationalitätsperspektive sozialer Handlungskoordination entfaltet. Auf die Wahrnehmung der (noch zu verdeutlichenden) kategorialen Differenz zwischen diesen beiden normativen Rationalitätsperspektiven und auf ihre richtige lexikalische Ordnung ((13)) kommt es in einer Vernunftethik des Wirtschaftens entscheidend an.


((19)) Das spezifische Kernproblem moderner Wirtschaftsethik lässt sich nun als das der systematischen Auflösung des Normenkonflikts zwischen dem vernunftethischen und dem (normativ-) ökonomischen Rationalitätsanspruch bestimmen. Begreift man die moderne Ethik einerseits und die moderne Ökonomik andererseits als die (ideal-) theoretischen Ausformungen zweier entsprechender Dimensionen des realen geschichtlichen Rationalisierungsprozesses, wie ihn Max Weber und im Anschluss an ihn J. Habermas (1981) auf den Begriff gebracht haben, so spiegelt sich im wirtschaftsethischen Kernproblem das konfliktreiche Zusammenprallen der beiden Rationalisierungsmomente in der gegenwärtigen Phase des Modernisierungsprozesses. (Zu dieser Spiegelungsthese und ihren wirtschaftstheoretischen Korrelaten vgl. Ulrich 1993: 177ff., 347ff.). Hieraus ergibt sich - als Zwischenfazit - die aktuelle Bedeutung integrativer Wirtschaftsethik als des systematischen Versuchs, die ökonomische Ratio ethisch-kritisch "zur Vernunft" zu bringen: Es geht um zukunftsweisendes Orientierungswissen für die Einbindung der institutionell entfesselten und normativ enthemmten, eigensinnig gewordenen ökonomischen Rationalisierungsdynamik in Grundsätze und Leitideen einer lebensdienlichen (d.h. legitimen und sinnvollen) Gestaltung des gesellschaftlichen "Wirtschaftslebens".



III. Wirtschaftsethische Grundlagenreflexion (I): Ökonomismuskritik


((20)) Ökonomismus ist der Glaube der (nicht ganz) "reinen" ökonomischen Vernunft an nichts als an sich selbst. Diese erste Kurzumschreibung eines geistes- und dogmengeschichtlich voraussetzungsreichen Phänomens deutet nicht nur tief liegende (krypto-) religiöse Hintergrundannahmen an, sondern auch die zirkelhafte Selbstgenügsamkeit eines neoklassisch geprägten, sich von philosophisch-ethischen Kategorien scharf abgrenzenden ökonomischen Denkstils ((14)). Von da her hat Gerhard Weisser (1934: 49ff.) bereits in den frühen 30-er Jahren den Ökonomismus als eine "weit verbreitete Meinung" umschrieben, die "glaubt, dass die Postulate zur Gestaltung des Wirtschaftslebens aus unserem Wirtschaftsdenken gewonnen werden können und müssen" (Weisser 1978: 574). Inzwischen wird der Begriff, den in den 40-er Jahren auch die Ordoliberalen, namentlich Röpke (1942: 49), verwendet haben, mehr und mehr international gebräuchlich (Gagnier 1997) zur Charakterisierung einer derzeit in der Tat weit verbreiteten Neigung, die ökonomische Rationalität zur ganzen Vernunft zu verabsolutieren (ökonomischer Rationalismus) und den Markt zum obersten Ordnungsprinzip der Gesellschaft im Ganzen - als totaler Marktgesellschaft - zu überhöhen (marktradikaler "Neoliberalismus" im heute üblichen Sinn des Begriffs).


((21)) Zwischen Ökonomismus als einem ideologischen Konstrukt und der modernen Ökonomik als einer respektablen Disziplin im Sinne eines methodologisch disziplinierten wissenschaftlichen Ansatzes ist gewiss sorgfältig zu unterscheiden. Gerade die reflektiertesten Ökonomen räumen freilich selbst ein, dass die "Disziplin" der ökonomischen Theorie, sich vor der ökonomistischen Vereinnahmung zur Rechtfertigung normativer und politischer Postulate zu bewahren, schwierig durchzuhalten ist: "the temptation to join methodology and ideology is strong" (Arrow 1994: 1). Eher bestätigt als erledigt wird dies durch Homanns (1996: 181) Argumentationsstrategie, einen "methodischen Ökonomismus" einzuräumen, um diesen als analytisches Theoriebildungskonzept gegen einen normativen Ökonomismus abgrenzen zu können. Natürlich handelt es sich bei diesem methodologischen Argument um nichts anderes als das Standard-Rückzugsargument der "reinen" Ökonomen, wonach der economic approach von normativen Voraussetzungen frei sei, da er auf strikt axiomatisch gesetzten as-if-Modellannahmen beruhe. Diese dienten, so das Argument, als "prä-empirisches Erklärungsschema" (Homann 1988: 116) nur der aspekthaften, bewusst "hochselektiven" (Homann 1996: 181) Betrachtung von Phänomenen menschlichen Tuns hinsichtlich ihrer Erklärbarkeit mit dem "Rationalmodell" des Homo oeconomicus - ungefähr im Sinne von Max Webers (1973: 190f.) idealtypischer Methode. Dieses auf Vaihinger (1922), Gutenberg (1929: 42) und Friedman (1953) zurückgehende methodologische Argument vermag nicht zu überzeugen, denn es kommt ja dem Eingeständnis gleich, dass die von Homann intendierte normative Ökonomik oder "ökonomische Theorie der Moral" (Homann/Pies 1994) keinen begründeten normativen Geltungsanspruch erheben kann. Das Programm einer "Moralbegründung aus Interessen" ((15)) lässt sich auch im Sinne seiner Vertreter nur so weit durchhalten, wie der "methodische Ökonomismus" hintergründig ein normativer Ökonomismus ist; die "methodische" Kunst besteht vor allem darin, diese Normativität zu verbergen.


((22)) Zwei grundlegende Erscheinungsformen des Ökonomismus lassen sich unterscheiden: einerseits eine empiristische Variante, die das Geltendmachen ethischer Gesichtspunkte "unter den Bedingungen des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs" für mehr oder weniger unmöglich erklärt (ökonomischer Determinismus); und andererseits eine normativistische Variante, die dem Markt selbst eine hinreichende Binnenmoral zuschreibt und daher die explizite Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte unter den Bedingungen eines wirksamen marktwirtschaftlichen Wettbewerbs prinzipiell für unnötig hält (ökonomischer Reduktionismus). Betrachten wir die normative Tiefenstruktur beider Varianten etwas näher.


((23)) Der ökonomische Determinismus entledigt sich der Problematik legitimen und verantwortbaren wirtschaftlichen Handelns, indem er einen Reflexionsabbruch vor den empirisch vorgefundenen Bedingungen der individuellen Selbstbehauptung der in den marktwirtschaftlichen Wettbewerb verstrickten Akteure vollzieht und so den Status quo der real existierenden "Systemrationalität" festschreibt, etwa in Redeweisen wie der folgenden: "Besondere moralische Anstrengungen sind dann, wenn diese teuer sind und ein Unternehmen unter hartem Wettbewerbsdruck steht, gar nicht möglich" (Kirchgässner 1998: 47, Hvh.d.V.). Mit dem im Zeichen der wirtschaftlichen Globalisierung zunehmenden "Standortwettbewerb" zwischen konkurrierenden Wirtschaftsplätzen lässt sich diese Argumentationsstrategie heute leicht auch zur Rechtfertigung oder Kritik bestimmter wirtschaftspolitischer Positionen verwenden, denn der internationale Standortwettbewerb ist ja wesentlich als Wettbewerb unterschiedlicher politischer "Rahmenbedingungen" zu begreifen. Niemand wird bezweifeln, dass die resultierenden Sachzwänge des Wettbewerbs real bestehen: "Die heutige kapitalistische Wirtschaftsordnung (...) zwingt dem einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf. (...) Wer sich in seiner Lebensführung den Bedingungen kapitalistischen Erfolgs nicht anpasst, geht unter oder kommt nicht hoch" (Weber 1988: 37, 56; Hvh. P.U.). Darauf beruht natürlich die Effizienzfunktion des Marktes. Doch Effizienz ist nicht alles. Der ökonomismuskritische Blick gilt den von Weber angesprochenen normativen Vorgaben, die dem eigentümlichen (!) Zwangscharakter des "freien" Marktes inhärent sind.


((24)) So fatal es individuell, betriebs- und volkswirtschaftlich wäre, die Funktionslogik des Marktes zu missachten, so wenig ist damit die pauschale normative Entscheidung für strikt marktrationales Handeln bzw. für die bedingungslose ordnungspolitische Entgrenzung von Markt und Wettbewerb gerechtfertigt. Der Markt funktioniert als gesellschaftlicher Koordinationsmechanismus zwar unpersönlich, aber deswegen keineswegs auch unparteilich; vielmehr bevorzugt er strukturell jene Individuen und (Interessen-) Gruppen, die im weitesten Sinne des Begriffs eine unternehmerische Lebensform führen wollen, da sie sich mit der marktwirtschaftlichen Wettbewerbs-, Begehrens-, Strebens- und Erfolgslogik mehr oder weniger fraglos identifizieren, wettbewerbsfähig sind und Erfolg haben. Infolge dieser strukturellen Parteilichkeit der Sachzwanglogik des Marktes passen die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, wie sie beispielsweise der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" regelmäßig abgibt, immer wieder auffällig mit den "systemkonformen" Interessen der Kapitaleigner an der Maximierung des Shareholder Value zusammen. Gleichviel ob die Arbeitgeber gerade investieren oder desinvestieren, Arbeitsplätze schaffen oder vernichten, Löhne erhöhen oder drücken, ihr Tun erscheint, solange sie sich an die "gegebene" normative Logik der real existierenden kapitalistischen Marktwirtschaft halten, definitionsgemäß stets als "rational". Wirtschaftspolitisches "Fehlverhalten" wird deshalb ebenso regelmäßig nur bei den Gewerkschaften ("zu hohe" Lohnforderungen) und bei der Regierung ("zu hohe" Besteuerung der Gewinneinkommen) gesucht (Katterle 1989: 21f.). Kaum je hat man dagegen von dem nach seinem Selbstverständnis ganz unparteilichen und gemeinwohlorientierten "Sachverständigenrat" die Vermutung gehört, dass "zu hohe" Rentabilitätsansprüche der Kapitaleigner zu Lasten des volkswirtschaftlichen Gemeinwohls gehen und daher eine Ursache für wirtschaftspolitische Probleme sein könnten, obschon die makroökonomischen Daten, etwa auf dem Arbeitsmarkt, gerade im letzten Jahrzehnt dafür durchaus gewichtige Indizien ergeben. Der tiefere Grund für diesen unübersehbaren Bias der Experten des ökonomischen "Sachverstands" ist weniger in deren persönlichen Motiven zu suchen als vielmehr darin, dass die unpersönliche Logik des Marktes es normativ in sich hat.


((25)) Der "freie" Markt ist besonders für die Wettbewerbsschwächeren ein lebenspraktischer Zwangszusammenhang. Der anonyme und allgemeine "Zwang zum (Lebens-) Unternehmertum" (Thielemann 1998) fällt jenen kaum auf und stört jene nicht, deren Selbstverständnis von der Tradition des calvinistisch- kapitalistischen Ethos geprägt ist und die daher "unternehmerisch" leben wollen, während alle anderen mehr oder weniger gegen ihre Lebensideale so leben müssen, soweit sie aus existenziellen Gründen auf die Selbstbehauptung im Markt angewiesen sind. Damit die Bürger diesen Zwangscharakter der "freien" Marktwirtschaft gar nicht erst wahrnehmen, ihn demokratisch gutheißen und sich Sinn- und Legitimitätsfragen möglichst nicht zu stellen beginnen, bemühen die Protagonisten des "freien" Marktes auffallend oft eine ökonomistische Pseudopädagogik, die einen "tiefgreifenden Mentalitätswandel" (de Pury/Hauser/Schmid 1995: 10, 28, 77) hin zu einer konsequent leistungs-, wettbewerbs- und erwerbsorientierten Lebenseinstellung aller anstrebt: Die politisch brisanten, da parteilichen Sachzwänge des Wettbewerbs sollen in die Köpfe hinein verlagert werden - als verinnerlichte Denkzwänge. Am Ende sollen wir uns alle als "Lebensunternehmer" (Lutz 1997) unserer eigenen Arbeitskraft verstehen. Wie trefflich brachte es schon Max Weber (1988: 37) auf den Punkt: "Der heutige, zur Herrschaft im Wirtschaftsleben gelangte Kapitalismus also erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte - Unternehmer und Arbeiter - deren er bedarf" (Hvh. geändert).


((26)) Je intensiver der Wettbewerb ist, umso prekärer wird die wirtschaftliche Selbstbehauptung auch für jene, die ihr privates Vorteils- oder Erfolgsstreben zugunsten der Rücksichtnahme auf legitime Ansprüche anderer, also aus moralischen Gründen, selbst begrenzen möchten. Wer solche Selbstbegrenzung individuell zumutbar halten oder machen will, der wird daher Ordnungspolitik nicht allein unter Effizienz- und Wohlfahrtsgesichtspunkten, sondern stets zugleich als "mögliche" Sachzwangbegrenzungspolitik in ethischer Absicht betrachten und gestalten wollen: Nur wenn der Wettbewerbsdruck begrenzt ist, ist individuelle Selbstbegrenzung den Marktteilnehmern zumutbar. Zumutbar ist diese nämlich grundsätzlich in "Kleinkosten-Situationen" (Kliemt 1986; Kirchgässner 1992), und das meint: wenn die Leistungsanbieter die punktuell in Kauf genommenen Nachteile für ihre Wettbewerbsfähigkeit ohne weiteres durch Mehrleistungen anderer Art kompensieren können und ihre eigenen legitimen Ansprüche (auf Selbstbehauptung im Wettbewerb, letztlich auf eine gesellschaftlich anerkannte und menschenwürdige Existenz) gewahrt bleiben. Das angebliche Unmöglichkeitsproblem moralischen Handelns unter marktwirtschaftlichen Bedingungen entpuppt sich somit als empiristisch umgedeutetes, in Wahrheit aber durchgängig normatives Zumutbarkeitsproblem ((12)).


((27)) Zumutbar ist allen Marktakteuren prinzipiell, dass sie bereit sein sollen, auf die strikte Eigennutz-, Erfolgs- oder Gewinnmaximierung zu verzichten. Wer dies als eine unter marktwirtschaftlichen Bedingungen generell "unmögliche Zumutung" abtut, der stellt sich außerhalb eines ernsthaften wirtschaftsethischen Diskurses. Denn die strikte egoistische Vorteils- oder Erfolgsmaximierung - und mit ihr auch die unternehmerische Gewinnmaximierung - ist aus Gründen der normativen Logik der Zwischenmenschlichkeit kein "möglicher" legitimer Zweck, kommt sie doch gerade der vorentschiedenen, prinzipiellen Zurückstellung aller ihr entgegenstehenden moralischen Gesichtspunkte oder Ansprüche hinter den privaten Vorteil gleich. Legitimes Vorteils- und Erfolgsstreben macht, wie wir schon gesehen haben, in genauer Umkehrung die eigene Zweckverfolgung von der Wahrung der berechtigten Ansprüche aller Handlungsbetroffenen abhängig und ist demnach stets bedingtes, je situativ hinsichtlich seiner allseitigen Verantwortbarkeit reflektiertes privates Nutzenstreben. So etwas wie ein "nicht zur Disposition stehendes", kategorisches unternehmerisches "Gewinnprinzip" in dem Sinne, "dass die Unternehmen in einer Marktwirtschaft aus ethischen Gründen ihre Gewinne maximieren sollen" (Homann/ Blome-Drees 1992: 183; Hvh. P.U.), lässt sich somit wirtschaftsethisch ganz sicher nicht begründen. Eine ethisch orientierte Unternehmenspolitik stellt nicht nur - wie Steinmann/ Löhr (1994: 112) meinen - die "Mittel", mit denen das Unternehmen "Gewinn machen" will, sondern das Maß der angestrebten Rentabilität als solches "zur Disposition", d.h. zur Prüfung im Lichte der moralischen Rechte (legitimen Ansprüche) aller Beteiligten und Betroffenen (Legitimitätsvorbehalt).


((28)) Kommen wir nun zur zweiten Form des Ökonomismus: zum ökonomischen Reduktionismus. Dieser beruht im Kern auf der Auffassung, die ethisch-normative Logik der Zwischenmenschlichkeit lasse sich restlos in der ökonomisch-normativen Logik des Vorteilstausches aufheben - und damit das Moralprinzip im Marktprinzip. Mehr noch: Da Ökonomisten aus paradigmatischen Gründen ethische Skeptiker oder "Nonkognitivisten" sind ((14)), gilt ihnen der unpersönlich funktionierende Marktmechanismus als die bessere Gewährsinstanz der Moral als der Mensch, dessen moralischer Stärke sie in aller Regel zutiefst misstrauen. Die unterstellte "Binnenmoral des Marktes" beruht geistesgeschichtlich auf dem religiösnaturrechtlichen Urvertrauen in die vom Schöpfer "prästabilierte Harmonie" (Leibniz) im Kosmos, die auch im "ökonomischen Kosmos" (Weber 1988: 172) des freien Marktes als invisible hand ihr segensreiches Werk vollbringe, indem sie das geschäftige Treiben der lediglich nach ihrem eigenen Gewinn oder Vorteil strebenden Individuen in wunderbarer Weise dem Gemeinwohl förderlich mache (Smith 1978: 31). Dies und nur dies rechtfertigt den Egoismus der Individuen, der dann "in Wirklichkeit" keiner ist, und entlastet sie von allen Ansprüchen der moralischen Selbstbegrenzung bei der - gesellschaftlich als nützlich erklärten und daher ethisch nun geradezu gebotenen - Verfolgung ihrer Partikularinteressen, soweit sie dabei der disziplinierenden Kontrolle durch die unsichtbare Hand des Marktes - sprich: dem anonymen Wettbewerb auf dem (Welt-) Markt - unterstellt sind.


((29)) Natürlich kann sich die "moderne" normative Ökonomik und mit ihr der "methodische" Ökonomismus mit dieser vormodernen Metaphysik des Marktes als Begründungsbasis nicht begnügen. Gleichwohl bleibt auch das methodisch reduktionistische (as-if-) Konzept der Person als Homo oeconomicus (H.O.), wie es für den modernen economic approach konstitutiv ist, auf den Nachweis angewiesen, dass das marktvermittelte "Aufeinanderwirken der vielen Egoismen in der Summe schließlich doch zu einer Förderung des Gemeinwohls ... führe" (Binswanger 1998: 48f.), wenn dem Marktprinzip ein ethischer Gehalt zugesprochen und zugleich die unmittelbare Beachtung des Moralprinzips durch die Wirtschaftssubjekte als unnötig begründet werden soll. Die "methodisch-ökonomistische" Standardlösung, die es hier ethisch-kritisch zu durchleuchten gilt, arbeitet mit drei axiomatischen Elementen: (1) dem Personenkonzept des methodologischen Individualismus, (2) dem tauschvertraglichen Gesellschaftskonzept und (3) einem entsprechenden Konzept "liberaler" Politik.


((30)) Der methodologische Individualismus, wie er der reinen Ökonomik zugrunde liegt und wohl am konsequentesten von Nobelpreisträger James M. Buchanan (1984) entfaltet worden ist, geht über die triviale Annahme, dass sich soziale Phänomene nur vom Denken und Handeln der Individuen her erklären lassen, weit hinaus. Er impliziert als axiomatisch eingeführte Rationalitätsunterstellung (also nicht als empirische Behauptung) ein rein ökonomisches, interessenbasiertes Verhaltensmodell, eben das des strikt seinen Eigennutzen maximierenden H.O. Dieser still "vor sich hinmaximierende" (Katterle 1995: 118) Homunculus steht dem Wohlergehen seiner Mitmenschen prinzipiell gleichgültig gegenüber: Homines oeconomici sind "gegenseitig desinteressiert" (Rawls 1979: 30f., 168) und "mutually unconcerned" (Gauthier 1986: 87ff., 326f.). Dass H.O. darunter nicht leidet, liegt daran, dass er ein präsoziales Wesen mit "ungebundenem Selbst" (Sandel 1982: 24f.) ist - ein kluger Bursche zwar, aber bar jeglichen Sinns für zwischenmenschliche Beziehungen. Homines oeconomici können sich eben wechselseitig nur als Homines oeconomici wahrnehmen. Auf dieser axiomatischen Basis kann im economic approach dem Sozialzusammenhang keine konstitutive Rolle für die personale Identitätsbildung freier Personen, d.h. für die Entwicklung der Fähigkeit zur autonomen Lebensführung zukommen (Scherhorn 1991). Der Sozialzusammenhang erscheint als dem ungebundenen Selbst nachgeordnet und von diesem rein zweckrational wählbar: Homines oeconomici vergesellschaften sich überhaupt nur unter der Bedingung, dass ihnen das je privat etwas nützt. Alle sozialen Beziehungen schrumpfen ihnen auf Geschäftsbeziehungen zusammen (Blum 1991); Politik ist für sie nur die Fortsetzung des Geschäfts mit andern Mitteln (instrumentelles Gesellschafts- und Politikverständnis).


((31)) Systematische Konsequenz ist das tauschvertragliche Gesellschaftskonzept: Auf der Basis des methodologischen Individualismus kommt es zur Vergesellschaftung zwischen Individuen allein auf dem Wege des wechselseitigen Vorteilstausches - oder gar nicht. Die gesamte Logik der sozialen Interaktion in Gesellschaft und Politik wird somit nach dem paradigmatischen Modell eines Tauschvertrags am Markt gedacht. Auch ein demokratischer Gesellschaftsvertrag kann von daher nicht anders denn als das Ergebnis des generalisierten Vorteilstausches unter strikt eigennützig handelnden Bürgern gedacht werden: Er ist, falls er zustande kommt, definitionsgemäß für alle vorteilhaft (relativ dazu, was für jeden Einzelnen durchsetzbar ist). Und das stellt für Homines oeconomici den einzig denkbaren Inhalt des Begriffs Gemeinwohl dar. Anders können sie sich auch die Legitimation der gesellschaftlichen Ordnung und des Handelns in ihr gar nicht denken. Das Kriterium der tauschvertraglichen Zustimmungsfähigkeit unter allen Beteiligten, das kein anderes als das der Pareto- Effizienz ist, macht aus der privatistischen Erfolgsrationalität der wechselseitig desinteressierten H.O. in "moralfreier" Weise vermeintlich eine ethisch hinreichende soziale Rationalität. Legitimität reduziert sich somit im methodischen Ökonomismus auf Effizienz, d.h. auf die relative Maximierung des je privaten Vorteils unter gegebenen Machtverhältnissen. So betont beispielsweise Buchanan (1987: 4) ausdrücklich: "This Pareto rule is itself an ethical proposition." Die ökonomistische Quadratur des ethischen Kreises scheint gelungen.


((32)) Eine spezifisch normativ-ethische Logik der Zwischenmenschlichkeit erscheint von da aus als gesellschaftliches Organisationsprinzip unnötig - die pure Logik des Vorteilstausches leistet schon alles Nötige. Der methodische Ökonomismus fungiert damit als politischer Ökonomismus. Nun wird auch dessen von Nobelpreisträger Arrow (1994: 1) angesprochene ((21)) ideologische Funktion durchsichtig: Er dient der Abwehr des Primats der politischen Ethik vor der Logik des Marktes und damit der Rechtfertigung eines marktradikalen Neoliberalismus (im heute üblichen Sinn des Begriffs, nicht im Sinne des sich ursprünglich so bezeichnenden, keineswegs marktradikalen Ordoliberalismus). Der ökonomistische Kern dieses derzeit dominant auftretenden ideologischen Syndroms steckt in seinem reduktionistischen Freiheitsbegriff, der die Bürgerfreiheit paradigmatisch auf die Marktfreiheit verkürzt. Er entspricht dem Freiheits(miss)verständnis von Homines oeconomici, die den Sozialzusammenhang nicht als normative Voraussetzung eines legitimen Freiheitsanspruchs erkennen. Sie begreifen deshalb Freiheit nicht als politisch-ethische Kategorie gerecht verteilter allgemeiner Freiheit in einer wohlgeordneten Gesellschaft freier und gleicher Bürger (politischer Liberalismus), sondern denken sie privatistisch als besitzbürgerliche Privatautonomie (Wirtschaftsliberalismus). Der Staat ist folglich primär dazu da, die sozial "unantastbare", freie Verfügung über privates Eigentum zu schützen, auch wenn er damit das "Recht" des Stärkeren gegen Ansprüche sozialer Gerechtigkeit schützt. Der Primat der Politik vor dem Markt wird genau so weit befürwortet, wie der Staat zur Gewährleistung des Privateigentums und zur Durchsetzung der Funktionsvoraussetzungen der "freien" Marktwirtschaft unentbehrlich ist: mittels Eigentumsordnung (Eigentums-, Handels- und Gewerbefreiheit, Vertrags- und Haftungsrecht), Wettbewerbspolitik (Offenhaltung der Märkte und Sicherung eines wirksamen Wettbewerbs) sowie Geld- und Stabilitätspolitik (Gewährleistung einer wertbeständigen Währung, stabiler Preise und stetigen Wirtschaftswachstums). Normatives Kriterium für "zulässige" Wirtschaftspolitik ist dabei immer nur die Effizienz des Marktes, die ja dessen ganze Moral ausmacht: "Markt und Wettbewerb erhalten die moralische Qualität ausschließlich deswegen zugesprochen, weil sie ‚effizient' sind" (Homann 1990: 41). Dementsprechend werden gestaltende politische Eingriffe nach ethischen Gesichtspunkten, insbesondere jede sozialstaatliche Umverteilung, in aller Regel abgelehnt, soweit sie als "effizienzmindernd" eingestuft werden.


((33)) Fassen wir unsere Kritik des Ökonomismus zusammen, indem wir diesen in seinen geistesgeschichtlichen Kontext einordnen. Der springende Punkt ist, dass der methodologische Individualismus nach dem eminent normativen Selbst- und Gesellschaftskonzept des possessiven Individualismus (Macpherson 1980) modelliert ist und so immer schon als ein radikaler normativer Individualismus fungiert: Hinter dem (methodischen) Ökonomismus verbirgt sich eine Sozialphilosophie, der es um die strikt individualistische Fundierung und Eingrenzung aller Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik geht. Den weltanschaulichen Hintergrund und normativen Kern des Ökonomismus bildet das wirtschaftsliberale Ideal einer totalen Marktgesellschaft, wie es theoretisch zuerst von Thomas Hobbes (1651/1984) - und nicht etwa vom Moralphilosophen Adam Smith! - entfaltet worden ist; der methodische Ökonomismus modelliert es heute bloß idealtheoretisch ins "Reine". Er ist letztlich nichts anderes als die idealtheoretische Entfaltung des normativen Besitzindividualismus und seiner Logik der bedingten Vergesellschaftung mit anderen - der normativen Logik des Marktes.


IV. Wirtschaftsethische Grundlagenreflexion (II): Grundorientierungen lebensdienlichen Wirtschaftens


((34)) Die ideologische Funktion des methodischen und politischen Ökonomismus besteht, wie wir gesehen haben, wesentlich darin, den wirtschaftsethischen Reflexionsraum über den personalen und gesellschaftlichen Lebenssachverhalt des Wirtschaftens doppelt zu verschließen: durch systemisches Sachzwangdenken (ökonomischer Determinismus) und durch die Verkürzung des Moralprinzips auf das Marktprinzip (ökonomischer Reduktionismus). Jenseits ökonomistischer Denkmuster ist die Frage nach den normativen Orientierungsgesichtspunkten vernünftigen Wirtschaftens wieder offen. Einerseits kann nun - wider den Denkzwang einer "zwingend" für alle gebotenen unternehmerischen Lebensform - der Primat lebensweltlicher Sinn- und Wertorientierungen vor dem "Eigensinn" des marktwirtschaftlichen Systems zur Geltung gebracht werden, womit die (teleologisch-ethische) Sinnfrage des Wirtschaftens in den Blick kommt. Andererseits lässt sich - wider die als höchst parteilich entlarvte "Moral" des Marktes - der Primat der politischen Ethik vor der normativen Logik des Marktes als "sachgerechte" Rangordnung nicht mehr abweisen, womit die (deontologisch-ethische) Legitimitätsfrage aufgeworfen ist. Die Sinnfrage öffnet den Blick auf die vom Ökonomismus auf eigennützige Vorteilsmaximierung verkürzten kulturellen Motive und Zweckvorgaben an das Wirtschaften: Im Hinblick auf welchen Entwurf des guten Lebens soll eigentlich unsere Wirtschaftsform Sinn machen? Die Legitimitätsfrage thematisiert die durch die ökonomistische Gemeinwohlfiktion ausgeblendete soziale Konflikthaftigkeit und die daraus folgende Regelungsbedürftigkeit allen gesellschaftlichen Wirtschaftens: Welche Kriterien des gerechten Zusammenlebens freier und gleicher Bürger sollen den legitimen Rahmen privaten wirtschaftlichen Vorteilsstrebens bestimmen? Der postulierte doppelte Primat ethisch-politischer Gesichtspunkte ist schlicht die logische Bedingung der privaten bzw. öffentlichen Gestaltbarkeit des "Wirtschaftslebens" und insofern, als praktische Vernunft ja stets das Handeln nach guten Gründen meint, elementarer Ausdruck des Anspruchs vernünftigen Wirtschaftens.


((35)) Moderne Antworten auf die Sinnfrage des Wirtschaftens können - als ein Stück Ethik des guten Lebens - selbstverständlich nur behutsame formale Antworten bezüglich der wesentlichen Voraussetzungen einer selbstbestimmten, authentischen Wirtschafts- und Lebensform freier BürgerInnen geben, also auf Sinn aus Freiheit setzen. Die Sinnfrage verweist damit ihrerseits schon auf die Legitimitätsfrage. Diesseits des politischen Ökonomismus ist die Freiheit zur Wahl der eigenen Lebens- und Wirtschaftsweise ja nur noch als die gleiche real lebbare Freiheit aller zu denken: Formen des guten Lebens gibt es nur im Plural (Habermas 1981b: 165). Es kommt daher auf eine hinsichtlich des Pluralismus kultureller Identitäten und Lebensentwürfe differenzverträgliche politische Ordnung an. Doch diesbezüglich steht es in der tendenziell heraufkommenden Marktgesellschaft nicht zum Besten: Es besteht hier, wie wir gesehen haben, eine strukturelle Chancenasymmetrie zwischen verschiedenen Lebensformen und Mentalitäten. Infolge dieser strukturellen Parteilichkeit des Marktes ((24)) ist der Wettbewerb der Lebensformen und Kulturen in dem Maß, wie er intensiver wird, vorentschieden zugunsten der "unternehmerischen" Lebensform und zulasten der Anhänger alternativer Lebensentwürfe. Da diese nämlich nicht ihre ganze Energie in die fortwährende Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und ihres Markterfolgs investieren, sondern noch andere Dimensionen des guten Lebens kultivieren möchten, werden sie gegenüber den "Lebensunternehmern" bald einmal unter mangelnder Wettbewerbsfähigkeit leiden und vom Markt die "rote Karte" für ihre nicht "systemkonformen" Ansprüche ans Leben erhalten.


((36)) Der ökonomistische (Um-) Erziehungsprozess ((25)) ist offenbar schon weiter vorangekommen, als uns das i.d.R. bewusst ist, sonst wäre kaum verständlich, wie wenig wir in den "fortgeschrittenen" Industriegesellschaften die immer vielfältigeren Symptome einer lebenspraktischen Sinnverkehrung des marktwirtschaftlichen Fortschritts zu bemerken scheinen. Die bereits mehr als 200 Jahre anhaltenden Anstrengungen zur Produktivitätssteigerung und zum Wirtschaftswachstum haben keineswegs den volkswirtschaftlichen Ausbruch aus der Ökonomie der Lebensnot gebracht, sondern "modernisieren" für einen großen Teil der Bürger nur fortlaufend die Erscheinungsformen des existenziellen Kampfs um wirtschaftliche Selbstbehauptung (vgl. dazu Ulrich 1998: 220ff.). Nicht nur nimmt infolge der Wettbewerbsintensivierung dessen Härte trotz der produzierten Güterfülle eher zu als ab, auch die soziale Schere öffnet sich zusehends wieder.


((37)) Was unter solchen Umständen wirklich Not tut, ist die kulturelle Reorientierung an einem noch zu entwickelnden "integrativen" Wirtschaftsstil: Nicht mehr die bloße Maximierung der verfügbaren Güterfülle, sondern die lebenskluge Indienstnahme der hohen Produktivität des marktwirtschaftlichen Systems für die Erweiterung der Vielfalt freier und kultivierter Entfaltungsmöglichkeiten der Bürger wird auf der Stufe einer fortgeschrittenen Ökonomie der Lebensfülle das sinngebende Formalziel sozialökonomischen Fortschritts. Dieses setzt freilich eine Kultur des Genug-haben-Könnens, der Selbstbegrenzung des eigenen Nutzen-, Erfolgs- oder Vorteilsstrebens aus Gründen einer kultivierten Lebensform voraus, die der heute vorherrschenden, menschheitsgeschichtlich noch reichlich pubertär anmutenden Mentalität des unbegrenzten Mehr-haben-Wollens vorerst noch ziemlich fremd ist. So wie die ökonomische Modernisierung zur Grundlage die kulturelle (Früh-) Modernisierung durch den "Geist des Kapitalismus" hatte, so wird wohl auch ein zukünftiger integrativer Wirtschaftsstil im Sinne einer Ökonomie der Lebensfülle erst auf der Basis eines entsprechend veränderten, gesellschaftlich motivbildenden Wirtschaftsethos aufblühen können.


((38)) Angesichts der dargelegten Zumutbarkeitsproblematik individueller Selbstbegrenzung unter den Sachzwängen des Wettbewerbs wird dieser als vernünftig einsichtige Wandel des Wirtschaftsethos jedoch nur in Gang kommen, wenn er - in genauer Umkehr der neoliberalen Politik grenzenloser Marktöffnung und Wettbewerbsintensivierung - von der bereits postulierten Sachzwangbegrenzungspolitik ((26)) unterstützt wird. Zwar soll im fairen marktwirtschaftlichen Wettbewerb kein anderer Zwang als der des besseren Angebots zählen - aber es muss ja nicht überall im Leben und in der Gesellschaft Wettbewerb herrschen und allein der Markterfolg zählen. Vielmehr besteht durchaus die Möglichkeit der fairen Wettbewerbs- und Marktbegrenzung durch einen normativen Rahmen allgemeinverbindlicher Spielregeln (Rechnungsnormen zur Beeinflussung der einzelwirtschaftlichen Kalküle, Randnormen zur Begrenzung der gesellschaftlichen Bereiche, in denen Markt "herrschen" soll, und subjektive Rechte zur Veränderung der Tauschvertragsvoraussetzungen). Einzuräumen ist, dass dieser normative Rahmen mit fortschreitender Globalisierung immer weniger auf der nationalen und immer mehr auf der supranationalen Ebene einer zukünftigen Weltwirtschaftsordnung zu gestalten ist. Mag die Herausforderung noch so epochal anmuten: Ein Ausbruch aus der anachronistisch gewordenen, strukturell perpetuierten Ökonomie der Lebensnot wird sich niemals einfach als "natürliches" Resultat des Wirtschaftswachstums und Produktivitätsfortschritts ergeben, sondern erst auf der Basis einer wirtschaftsethisch aufgeklärten Ordnungspolitik, die sich an Gesichtspunkten des guten Lebens und gerechten Zusammenlebens freier Bürger orientiert. Vernünftige Ordnungspolitik ist daher zweistufig zu denken: vorrangig als ethisch orientierte "Vitalpolitik" und erst nachrangig als Wettbewerbspolitik, ganz wie sie die Vordenker des Ordoliberalismus, namentlich A. Rüstow (1955) und W. Röpke (1958) konzipiert haben (vgl. im Einzelnen Ulrich 1998: 348ff.).


((39)) Für eine wohlgeordnete Gesellschaft freier und gleicher Bürger im Sinne des politischen Liberalismus (Rawls 1992) ist der vitalpolitische Vorrang der Gerechtigkeit im Sinne der gleichen Grundfreiheiten und Grundrechte für alle grundlegend. Die konstitutiven Voraussetzungen dieser allgemeinen Freiheit erstrecken sich auf sämtliche Bedingungen der Autonomie, der Gleichberechtigung und Gleichbehandlung; sie schließen daher auch - als reale Freiheit (van Parijs 1995) - die sozioökonomischen und soziokulturellen Voraussetzungen zur Verwirklichung des eigenen Lebensentwurfs im Rahmen der wohlgeordneten Gesellschaft und für ein dementsprechendes Leben in Würde und Selbstachtung (Rawls 1992: 179) für alle Bürger und Bürgerinnen ein, und zwar unabhängig davon, ob diese im harten marktwirtschaftlichen (Selbstbehauptungs-) Wettbewerb zu den Gewinnern oder zu den Verlierern gehören. Es geht dabei nicht etwa um freiheits- , leistungs- und erfolgsfeindliche Gleichmacherei, sondern um die Klärung und ordnungspolitische Gewährleistung der freiheitsorientierten Bedingungen legitimer Ungleichheit.


((40)) Rawls (1979) hat dafür bekanntlich - als zweiten Gerechtigkeitsgrundsatz neben dem Prinzip der größten für alle möglichen Freiheit - das "Differenzprinzip" vorgeschlagen. Dessen normativer Sinn lässt sich darin erkennen, dass es die ökonomistische Verkürzung von Gerechtigkeit auf Pareto- Effizienz überwindet, auch wenn Rawls' Konzeption gerade unter diesem Gesichtspunkt noch an erheblichen kategorialen Unschärfen und Mängeln leidet (vgl. Ulrich 1998: 253ff.) Es geht in der Gerechtigkeitsperspektive nämlich nicht nur um die - auch in der Pareto-Ökonomik unbestrittene - Internalisierung von (markt-) externen Effekten, sondern auch und gerade um die Elimination oder zumindest Limitation marktinterner Effekte, wie sie aus der unterschiedlichen (Ressourcen-) Macht der Akteure im Wettbewerb resultieren (Thielemann 1996: 273ff.): In der pareto-ökonomischen Logik des Vorteilstausches ("Moral des Marktes") schlägt der Status quo der "gegebenen" ökonomischen Machtverhältnisse voll auf die Ergebnisse durch. Der "freie" Markt ist machtvoll und daher alles andere als die Gewährsinstanz der allgemeinen und realen Bürgerfreiheit. Genau deshalb bedarf er der Einbindung in rechtsstaatlich gewährleistete, real lebbare Bürgerrechte, die allen Mitgliedern der Gesellschaft unabhängig von ihrer sozioökonomischen Lebenslage den Status vollwertiger Bürger (citoyens) sichern. Oder in den Worten von Ralf Dahrendorf (1992: 567f.): "Die Rechte der Bürger sind jene unbedingten Anrechte, die die Kräfte des Marktes zugleich überschreiten und in ihre Schranken verweisen."


((41)) Eine vollentwickelte Bürgergesellschaft existiert nach Dahrendorfs Kriterium noch nirgends; es fehlt dazu vor allem an hinreichend entwickelten Wirtschaftsbürgerrechten im Sinne sozioökonomischer Rechte auf Schutz vor entwürdigender existenzieller Not und sozialer Benachteiligung sowie auf angemessene Teilhabe am volkwirtschaftlichen Kapital, Prozess und Ergebnis. Zwar sind manche europäischen Staaten nach wie vor ausgebaute Sozialstaaten, doch liegt ihnen noch weitgehend eine kompensatorische Konzeption von Sozialpolitik zugrunde, deren teilweise etatistisch bevormundender und karitativer Charakter ("Fürsorge" für "Bedürftige") sich schlecht mit dem emanzipatorischen Anspruch und Selbstverständnis freier Bürger vereinbaren läßt. Wie dementsprechende Wirtschaftsbürgerrechte in Absicht auf die lebbare Freiheit aller konkret auszugestalten sind (z.B. als Recht auf angemessen entschädigte Erwerbsarbeit, auf ein allgemeines Grundeinkommen oder auf andere Formen der Teilhabe an der gesellschaftlichen Wertschöpfung), kann hier nicht weiter erörtert werden, ist aber in einer voll entwickelten Bürgergesellschaft letztlich ohnehin Sache der Bürger selbst. Spätestens hier wird deutlich, dass integrative Wirtschaftsethik als ein Stück politische Ethik zu begreifen ist, so wie Ökonomie in guter klassischer Tradition letztlich immer schon als politische Ökonomie zu denken ist.


V. Wirtschaftsethische Topologie: Orte der Moral des Wirtschaftens


((42)) Leitideen einer lebensdienlichen, d.h. an Gesichtspunkten des guten Lebens und gerechten Zusammenlebens der Menschen orientierten Ökonomie zu entwerfen ist eines, die Instanzen zu benennen, die für entsprechendes Handeln in die Verantwortung zu ziehen sind, etwas ganz anderes. Ohne die Klärung der "Orte" der Moral des Wirtschaftens in einer wohlgeordneten Gesellschaft freier Bürger blieben wirtschaftsethische Postulate buchstäblich u-topisch, d.h. im Altgriechischen: ortlos. In der wirtschaftsethischen Topologie ("Ortskunde") geht es wesentlich um die Wechselbeziehung zwischen Individual- und Institutionenethik. Angesichts der Sachzwänge des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs, in die wir als Wirtschaftsakteure verstrickt sind, und in Anbetracht der Wirkungsmacht ökonomischer Nutzen- oder Vorteilsmotive bedarf unser "guter Wille", also die Bereitschaft oder u.U. der Mut, unseren besseren Einsichten in das ethisch Vernünftige zu folgen, institutioneller Rückenstützen: Die "schwach motivierende Kraft guter Gründe" benötigt und verdient eine Stärkung durch ihnen "entgegenkommende Institutionen und normative Kontexte" (Habermas 1991: 135), die für die Individuen "Kleinkosten-Situationen" ((26)) schaffen. Darüber gibt es in der heutigen wirtschaftsethischen Debatte kaum Dissens. Umstritten ist hingegen, wie weit die Entlastung der Wirtschaftssubjekte von unmittelbaren moralischen Ansprüchen an ihr Handeln gehen kann und soll. Radikal systemoder institutionenethische Positionen sind daran zu erkennen, dass sie den alten hobbesianischen Traum hochhalten, eine wohlgeordnete Gesellschaft freier Bürger lasse sich ganz als ein unpersönlich funktionierendes, von einer invisible hand koordiniertes "System des geordneten Egoismus" (Habermas 1992: 119) begründen und gestalten, so dass sich die als Homines oeconomici gedachten Individuen von jeder unmittelbaren "Moralzumutung" entlastet sehen dürften.


((43)) Doch dieser naturrechtlich-harmonistische Traum ist nach der Kritik des politischen Ökonomismus ausgeträumt. Und das bedeutet, dass das für alle (heimlichen oder erklärten) Hobbesianer so verführerische Homann'sche Postulat, "Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung" ((15)), nicht die ganze Wahrheit sein kann. So wünschbar es zweifellos ist, den institutionellen Anreizstrukturen des Marktes möglichst starke moralische Momente einzuschreiben, so unabdingbar ist es, dass sich die Wirtschaftssubjekte zugleich ein Stück persönlicher Verantwortung für die Gesamtfolgen ihres Handelns zuschreiben und zumuten lassen. Zwar bliebe wie gesagt der gute Wille verantwortungsbewusster Wirtschaftsakteure ohne eine ihnen entgegenkommende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung "ortlos" - aber ohne solche Wirtschaftsbürger bliebe in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft die ganze Institutionenethik "subjektlos". Das gilt nicht erst für die alltägliche Wahrnehmung zumutbarer Moralansprüche innerhalb einer "gegebenen" Ordnung, sondern schon für die politische Etablierung einer ethisch gehaltvollen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die der individuellen Verantwortung "institutionelle Rückenstützen" bietet.


((44)) Bleibt die Frage, was denn die Bürger motivieren könnte, die Politik nicht als bloße Fortsetzung der privaten Geschäfte mit anderen Mitteln zu betrachten, sondern Mitverantwortung für die "res publica", die öffentliche Sache des gerechten Zusammenlebens, zu übernehmen. Die Antwort ist, wenn überhaupt, im Selbstverständnis aufgeklärter Bürger zu finden, also darin, als welche Personen sie sich selbst verstehen und in welcher Grundhaltung sie ihr Leben führen wollen, um sich selbst "gut finden" und achten zu können. Das die personale Identität prägende Ethos impliziert immer auch eine Idee der moral community, der man sich zugehörig fühlt (soziale Identität). Denn nur in der Sinngemeinschaft mit anderen Menschen können wir - als von Grund auf soziale Wesen - unseren persönlichen Lebenssinn finden. Dieser ist daher von einem Minimum an Gemeinsinn nicht abzulösen; ohne solchen ist, wie etwa die Erfahrungen mit der postkommunistischen Transformationsproblematik in einigen osteuropäischen Ländern drastisch gezeigt haben, auch buchstäblich kein Staat zu machen. Die politisch-philosophische Konsequenz ist ein republikanischer Liberalismus (Ulrich 1998: 293ff.) oder liberaler Republikanismus (Sunstein 1988; Maak 1999), der das sozialpsychologisch unhaltbare Personen- und Gesellschaftskonzept des politischen Ökonomismus hinter sich lässt und den Bürgern einen gesunden Bürgersinn sowohl zutraut als auch abfordert.


((45)) Auf der anderen Seite vermeidet der republikanische Liberalismus den kommunitaristischen Fehler einer normativen Vorordnung der "Wertegemeinschaft" vor die Freiheit des Individuums: Nicht unmittelbar der Bürgertugend, sondern den durch die republikanische Verfassung gewährleisteten Bürgerrechten kommt die konstitutive Rolle für die Stiftung des Sozialzusammenhangs zu. Der republikanische Liberalismus setzt daher keine idealen "Gutmenschen" voraus, die von allem eigennützigen Vorteils- und Erfolgsstreben selbstlos ablassen, sondern nur die maßvollen mixed motives lebenskluger Bürger, die um ihres eigenen Selbstwertgefühls willen ihren Vorteil nicht ganz bedingungs- und rücksichtslos anstreben, da sie ihre eigene Freiheit und Lebensqualität als Teil des öffentlichen Guts der gleichen lebbaren Freiheit aller Bürger begreifen. Das republikanische Minimalethos besteht genau in der prinzipiellen Bereitschaft des Bürgers, seine privaten Interessen den Legitimitätsbedingungen des gerechten Zusammenlebens in der "Res publica" zu unterstellen (Michelman 1986: 18; Lorenzen 1991: 62; Münkler 1992: 25).


((46)) Republikanisch gesinnte Wirtschaftsbürger spalten davon ihr privatwirtschaftliches Handeln nicht ab; sie sind sich der öffentlichen Konstitution aller legitimen Freiräume privater Interessenverfolgung bewusst und daher bereit, ihre wirtschaftlichen Pläne zur Disposition zu stellen und ihre Präferenzen zu ändern, soweit sie sich nicht im Sinne des ideal role-taking gegenüber allen Betroffenen öffentlich vertreten lassen. Zwischen den beiden Haltungen der sozial desinteressierten Selbstsucht (H.O.) und der heroischen Selbstaufopferung ("Gutmensch") suchen sie den dritten Weg legitimer wirtschaftlicher Selbstbehauptung, und das heißt: sie sind von vornherein nur an legitimen und gegenüber jedermann verantwortbaren Formen des privaten Erfolgs "interessiert". Diese prinzipielle Bereitschaft zur wirtschaftsbürgerlichen Selbstbindung kommt einerseits in der verantwortungsbewussten persönlichen Selbstbeschränkung im privaten Wirtschaftshandeln (als reflektierender Konsument, Geldanleger, Unternehmer oder "Organisationsbürger") und andererseits (als mitverantwortlicher Staatsbürger) in der klugen Unterstützung institutioneller Reformen mit dem Ziel der rechtsstaatlichen Einbindung aller "privaten" Machtpotentiale in die republikanische Verfassung durch eine entsprechende Wirtschaftsordnung zur Geltung. Republikanisch gesinnte Wirtschaftsbürger erkennen und anerkennen auf dieser institutionellen Ebene ihre ordnungspolitische Mitverantwortung. Es geht dabei im Wesentlichen (a) um die Befürwortung neuer Wirtschaftsbürgerrechte, die angesichts der sich epochal verändernden sozioökonomischen Verhältnisse den Vorrang des allgemeinen Status freier Bürger vor der "herrenlosen Sklaverei" (Weber 1972: 709) des "freien" Markt sichern oder wiederherstellen, und (b) um Rahmenbedingungen und Anreizstrukturen des Marktes, die ethisch orientiertes wirtschaftliches Handeln fördern und belohnen, falsch gestellte Anreize zu menschlich, sozial oder ökologisch verantwortungslosem moralischem Free-riding dagegen beseitigen oder dieses zumindest unattraktiv machen.


((47)) Ideeller Ort der Moral ist für republikanisch gesinnte Wirtschaftsbürger stets die regulative Idee der unbegrenzten Öffentlichkeit aller mündigen, d.h. zum "öffentlichen Gebrauch der Vernunft" (Kant 1982) fähigen und gewillten Personen. Sie bietet den vernunftethischen Orientierungshorizont sowohl für das private Handeln als auch und insbesondere für den demokratisch-politischen Willensbildungsprozess, der nun nicht mehr wie im politischen Ökonomismus bloß als strategischer Prozess der Interessendurchsetzung, sondern als vorrangig verständigungsorientierter Prozess deliberativer Willensbildung begriffen und gestaltet wird (zum Konzept deliberativer Politik vgl. Manin 1987; Cohen 1989; Habermas 1992a: 331ff.; mit spezifisch wirtschaftsbürgerethischem Bezug Ulrich 1998: 305ff.). Charakteristisches Unterscheidungsmerkmal zu anderen Ansätzen der Wirtschaftsethik ist für sie daher, dass sie als systematische Orte der Moral des Wirtschaftens nicht erst die Rahmenordnung des Marktes (Ordnungsethik) und das unternehmerische Handeln (Unternehmensethik) betrachtet, sondern in ihrer "Topologie" mit der systematisch als vorrangig begriffenen (republikanisch-liberalen) Wirtschaftsbürgerethik ansetzt. Unternehmensethik und Ordnungsethik reflektieren deren grundlegende normative Orientierungsideen in je spezifischem Zusammenhang; sie beginnen damit freilich erst. Die vielschichtigen ordnungs- und unternehmensethischen Konsequenzen integrativer Wirtschaftsethik können hier in der erforderlichen Auseinandersetzung mit den entsprechenden konkreten Problemzusammenhängen nicht erörtert werden, auch wenn sich erst dort die normative Kraft und die praktische Bedeutung des integrativen Ansatzes voll zeigt (vgl. dazu Ulrich 1998: 333ff. bzw. 393ff.).


((48)) Was hier allein möglich war und versucht worden ist, betrifft den Kern der Sache, nämlich die Perspektive eines integrativen "Rationalitätsmusters" (Katterle 1991: 137) republikanisch- liberal gesinnter Wirtschaftsbürger, oder m.a.W.: einen Begriff von vernünftigem Wirtschaften, für den die ethischpolitische Vernunft nicht mehr die äußere Grenze, sondern vielmehr die innere Grundlage darstellt. Obschon damit am Ende W. Kersting ((1)) mit seinem politisch-philosophischen Zweifel an der Eigenständigkeit von Wirtschaftsethik Recht bekommen hat, so hat diese wie gezeigt im integrativen Ansatz sehr wohl ihr eigenes "Geschäft" gefunden: als ethisch-kritische Grundlagenreflexion der ökonomischen Vernunft.


Literatur




Adresse
Prof. Dr. Peter Ulrich, Institut für Wirtschaftsethik, Universität St. Gallen, Guisanstr. 11, CH-9010 St. Gallen