Georg Quaas

Versuch einer Klärung zweier Probleme



vom 28.11.2008

Problem 1:
Ist „alles“ mit Moral infiziert?

Der Mond sicherlich nicht. Gemeint sind menschliche Handlungen und Institutionen. Die These lautet vermutlich – etwas präziser formuliert:

These1: „Alle menschlichen Handlungen und Institutionen (‚Menschenwerke’) haben einen moralisch relevanten Aspekt, insofern sie einer moralischen Bewertung unterliegen (können - Korrektur vom 19.12.2008).“

Analog kann man behaupten (These 2), dass alle menschlichen Handlungen und Institutionen einen ökonomischen, einen juristischen, einen ästhetischen usw. Aspekt haben. M. a. W.: Menschliche Handlungen und Institutionen sind komplexe Erscheinungen, die unter qualitativ verschiedenen Gesichtspunkten analysiert und beurteilt werden können.

Wenn wir menschliche Handlungen und Institutionen analysieren und beurteilen, dann machen wir diese nicht nur zu unserem Gegenstand, sondern realisieren ebenfalls eine Handlung, die sich allerdings von der Handlung, die wir uns zum Gegenstand machen, unterscheidet. Ein geeignetes gedankliches Ordnungsschema für diese Beziehung ist das der semantischen Stufung. (Vgl. G. Quaas: Regeln zur Verlinkung erwägungsorientierter Dokumente in HTML.)

Das implizit im Seminar aufgeworfene Problem lässt sich damit wie folgt formulieren:

These 3: "Wenn wir die Moral als Gegenstand der Ethik definieren, gehört die Ethik zwar einer höheren semantischen Stufe an, ist aber im Sinne der These 1 nicht frei von Moral. Insofern kann es keine Ethik geben, die nicht von ihrem Gegenstand 'infiziert' wäre."

Das Problem lässt sich lösen, wenn wir eine weitere ontologische (die Lehre vom Sein betreffend) These akzeptieren:

These 4: "So wie es uns Menschen gelingt, mit unseren Handlungen einen bestimmten Ziel-Mittel-Zusammenhang zu realisieren, so können wir mit unseren Handlungen auch bestimmte Werte und dominant eine bestimmte Art von Werten realisieren, während wir andere missachten, vernachlässigen oder in den Hintergrund treten lassen.“

Damit wird behauptet, dass menschliche Handlungen und Institutionen zwar unter verschiedenen Aspekten betrachtet und beurteilt werden können, sie aber stets von bestimmten Werten, u. U. auch von einer bestimmten Art von Werten und Normen, dominiert werden. Andere Werte und Normen werden untergeordnet oder gar nicht berücksichtigt.

Eine Konsequenz dieses Satzes ist, dass sich ökonomisch-effiziente Handlungen von moralisch-einwandfreien unterscheiden können.

Eine andere Konsequenz besteht darin, dass sich die folgenden drei Handlungen nicht nur semantisch voneinander unterscheiden, sondern auch unterschiedliche Werteausprägungen haben:

Handlung 1: Die Austreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. Art der dominanten Werte: Moral (Reinheit der religiösen Handlungen und Institutionen), Recht (Androhung von Gewalt; Ergänzung vom 19.12.2008).

Handlung 2: Der Bericht über die Austreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel im NT. Art der dominanten Werte: kommunikativ (Wahrheit, Verständlichkeit, Plausibilität, religiöse Relevanz).

3. Handlung: Analyse des betreffenden Textes in einem Ethik-Seminar. Art der dominanten Werte: wissenschaftlich (Wahrheit, Kohärenz, theoretische oder methodische Relevanz).

Die Lösung des oben formulierten Problems müsste also lauten: Zwar mag die ethische Diskussion als Handlung von moralischen Werten „infiziert“ sein, aber dies müssen nicht zwangsläufig dieselben Normen und Werte sein, die Gegenstand der Diskussion sind. Vor allem ist anzunehmen, dass die ethische Diskussion von einer anderen Art von Normen und Werten beherrscht ist als die Handlung, die sie sich zum Gegenstand macht. Geht man davon aus, dass die ethische Theorie geronnenes und sublimiertes Resultat der ethischen Diskussion ist, so gilt auch für sie: Die Normen, die eine ethische Theorie verkörpert, sind nicht zwangsläufig dieselben, die sie thematisiert. (Eine Theorie über den Zucker muss nicht selber süß sein.)

In diesem Sinne halte ich Richard M. Hares These aufrecht: Eine moralisch neutrale Ethik ist möglich.


Problem 2 wird von Ingo Pies' moralischen Satz (These 5) dargestellt:
„Es gehört zur Würde des Menschen, vor der Zumutung bewahrt zu werden, gegen eigene Interessen verstoßen zu sollen.“ ((K 12))

Der wissenschaftstheoretische Status dieses Satzes wurde bereits erörtert.

Unabhängig davon, wie man den Begriff der „Würde des Menschen“ definiert, darf man nach dem Charakter und den (logischen) Konsequenzen jenes Satzes fragen.

Beachtet man den Kontext, in dem dieser Satz steht (eine Diskussion über Moral und Ethik), kann man wohl nicht umhin, ihn als einen moralischen Satz zu qualifizieren, der etwa sinngleich in folgenden Soll-Satz umformuliert werden kann:

These 6: „Du sollst keine Soll-Sätze aufstellen, die andere dazu auffordern, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.“

Damit qualifiziert sich dieser Satz zu einem moralischen Prinzip, dass die Gültigkeit von Sätzen regelt, die von einer Ethik oder von einer anderen Instanz aufgestellt werden – eine meta-ethische Regel.

Die Gültigkeit einer meta-ethischen Regel hängt – wie die moralischer Regeln – von der Annehmbarkeit ihrer Konsequenzen ab.

Im folgenden gehe ich davon aus, dass moralische Sätze (i) universalisierbar und (ii) präskriptiv (= logische Merkmale) sind, und baue besonders auf der Eigenschaft (ii) auf.

These 7: "Präskriptive Sätze schreiben eine bestimmte Handlungsweise vor (und verbieten damit implizit andere Handlungsweisen) oder verbieten eine bestimmte Handlungsweise (und erlauben, empfehlen oder gebieten damit implizit andere Handlungen)."

Implizit oder explizit verbieten somit alle moralischen Sätze eine bestimmte Handlungsweise, die im Interesse von Menschen liegen (können). Würde das obige meta-ethische Prinzip gelten, wäre es somit nicht möglich, moralischen Sätze aufzustellen. Pies’ Satz ist für das Aufstellen moralischer Sätze nicht besonders geeignet, da es diese Handlung generell untersagt. Im Kontext einer Ethikdebatte ist dieses Prinzip sogar sinnwidrig, wenn man nicht die Absicht hat, das Aufstellen moralischer Sätze generell zu verbieten.

Geht man davon aus, dass Moral zu haben eine charakteristische Eigenschaft der Menschen ist und diese immer mit der Einschränkung von Interessen verbunden ist, so könnte man vielmehr die These aufstellen:

Alternative These „Es gehört zur Würde des Menschen, gegen die eigenen Interessen verstoßen zu können.“

Eingestellt:
Dezember 2008