Florian Ferger

Seminarbericht zum Erwägungsseminar basierend auf dem Hauptartikel von Peter Ulrich



Es scheint mir unbestreitbar, dass die Methode „Erwägungsseminar“ eine ganz eigene ist. Für mich jedenfalls war die Art des Seminars mit keinem anderen vergleichbar, dass ich bisher an der Universität Leipzig besucht habe.

Als die wesentlichen Unterschiede sind zu nennen: Zeitlich nicht begrenzte Diskussionen, verhältnismäßig wenig verpflichtende Lektüre sowie kaum hierarchische Diskussionstrukturen der Form, dass eine Person referiert und die anderen zuhören. Als Mensch, dem die Methode des Erwägungsseminars bisher unbekannt war, sind mir vor allem die langen, oft ergebnislos erscheinenden Diskussionen aufgefallen. Allzu oft hätte ich gerne die Diskussion abgebrochen, um endlich „auf den Punkt zu kommen“ und zielführender vorzugehen.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass ich zum Ende des Seminars tatsächlich behaupten kann, viel gelernt zu haben. Als Zwischenbilanz hätte ich vielleicht gesagt, dass wir über viele spannende Themen diskutieren und ich viele neue Denkanstöße bekommen habe. Im Rückblick habe ich aber das Gefühl, deutlich mehr – und das auch im typischen klausurrelevanten Sinne – gelernt zu haben, als in vielen „normalen“ Seminaren mit ihrer bekannten Referatsstruktur. Zu Begriffen wie Moral, Ethik, Wirtschaftsethik, verschiedene Schulen der Wirtschaftsethik, Grundlagen der ökonomischen Theorie und vielen Punkten mehr habe ich handfestes Wissen erlangt, dass durchaus in einer anspruchsvollen Klausur abzufragen wäre.

Dabei halte ich letzteren Punkt für relativ unbedeutend, er steht hier wohl eher um mir (und anderen) zu zeigen, dass ein Seminar in dem „nur“ diskutiert wird durchaus den institutionellen Anforderungen einer höheren Bildungseinrichtung genügen kann.

Wichtiger ist für mich, dass die TeilnehmerInnen im Erwägungsseminar lernen, kritisch zu hinterfragen: Das Suchen logischer Fehlschlüsse, aber auch das Hinterfragen bis auf die unterste (und oft nicht mehr zu begründende) normative Ebene. Dabei verlernt mensch auch den – an der Universität so tiefsitzenden – Respekt vor DozentInnen, ProfessorInnen und großen Namen im Allgemeinen. Meiner Erfahrung nach trauen sich zu viele Studierende auch am Ende ihres Studiums nicht, einen Prof. Dr. Dr. zu kritisieren und gehen davon aus, dass dieser aufgrund seines Titels die endgültige Wahrheit verkündet.

Allerdings gibt es auch einige Punkte, die ich speziell an diesem Seminar kritisch sehe. Da ist zum einen mein eigenes Engagement. Damit ein Erwägungsseminar wirklich gut verläuft, braucht es mehr Vor- und Nachbereitung der Studierenden als in normalen Vorlesungen/ Seminaren. Diese Zeit (Protkoll schreiben, Metakritiken verfassen, Mitarbeit in der Redaktion der Webseite u.a.) konnte ich aufgrund sehr knapper zeitlicher Ressourcen in diesem Semester nicht aufbringen. Ich denke, dass ich durch mehr Engagement noch mehr aus diesem Seminar hätte herausholen können. Der zweite Kritikpunkt bezieht sich auf die Diskussionskultur im Seminar. Zwar bestanden keine Hierarchien im klassischen Sinne. Die Diskussionen verliefen aber oft in der Art, dass Schlagfertigkeit und die passende rhetorische Figur mehr zählten als das richtige Argument. Oft hätte ich gerne die Zeit gehabt, über einen Redebeitrag wenigstens zehn Sekunden nachzudenken, bevor ich antwortete. So habe ich das Gefühl, dass dieses Seminar auf Personen zugeschnitten ist, die gerne hitzig und ausgiebig diskutieren. Personen die erst einmal zuhören und sich ihre Argumente reiflich überlegen, bleiben gewissermaßen auf der Strecke. Oft erinnerte mich die Diskussionskultur mehr an eine politische Debatte als an eine wissenschaftliche Diskussion. Vielleicht ist das auch einer der Gründe (oder Folge?), dass die Frauenquote im Seminar fast verschwindend gering war. Ich persönlich glaube, mich zwischen den beiden Polen Zuhörer – Diskutant zu befinden. Das mag der Grund sein, warum ich an manchen Tagen intensiv mit diskutiert, an anderen gar nichts gesagt habe.

Florian Ferger im Januar 2008