Protokoll der 14.
Sitzung im SS 2015 am 17.07.2015
Beginn: 09.15 Uhr
Ende: 10.45 Uhr
Ort: WiFa Grimmaische Sr.
12, SR 7
Protokoll: F. Fehlberg
Anwesende: 7 Studierende; 2
Dozenten: F. und G. Quaas; 1 Protokollant: F. Fehlberg
TOP:
1.
Protokollbestätigung
2.
Abschlussdiskussion
3.
Auswertung des Erwägungsseminars
TOP 1 – Protokollbestätigung
Das
Protokoll der letzten Sitzung vom 10.07.2015 wird bestätigt.
TOP 2 – Abschlussdiskussion
Orientiert
an den in der letzten Sitzung verteilten Rezensionen und Beiträgen debattiert
die Gruppe abschließend die Einordnung und Bewertung von Pikettys „Kapital“.
a)
Hernando de Soto: Pikettys armseliger Eurozentrismus (05.02.2015), in: Neue
Zürcher Zeitung, http://www.nzz.ch/meinung/debatte/pikettys-armseliger-eurozentrismus-1.18475870
v.
17.07.2015.
Der
Rezensent greift Piketty scharf an, indem er dessen Darstellung als
eurozentristisch bezeichnet und damit ihren Aussagegehalt eingeschränkt sieht.
De Soto gibt vor, er vertrete eine Sicht auf den Kapitalismus, die von den
Entwicklungsländern ausgehe. Er stellt die Bedeutung des Bruttoinlandsproduktes
infrage, mit dem Piketty hauptsächlich arbeite. So messe der Social Progress Index
sehr viel besser, ob Wachstum wirklich Verbesserungen für „durchschnittliche
Bürger“ weltweit bringe.
Piketty
geht laut de Soto aufgrund seiner westlichen Daten von der historischen
Interpretation aus, das Kapital habe zwei Weltkriege hervorgerufen. Dieses
negative Bild des Kapitals teilt de Soto nicht, es dürfe nicht einfach auf die
ganze Welt hochgerechnet werden. In den Entwicklungsländern gehe es gerade
darum, die Menschen am Markt teilnehmen zu lassen, anstatt sie gegen das
Kapital in Stellung zu bringen. Eher müsse das Privateigentum in
Entwicklungsländern mit politischer Willkür gestärkt als geschwächt werden.
In
der Gruppe stößt die Kritik de Sotos überwiegend auf Ablehnung, Piketty habe
immer darauf hingewiesen, wie unvollständig seine Daten seien. Die Aussage, das
Kapital hätte Kriege hervorgebracht, sei auch nicht bei Piketty zu finden.
Anderseits sei ein Aufholprozess der Schwellenländer durch die Teilnahme am
kapitalistischen Markt (Lohnvorteile) auch nicht von der Hand zu weisen. Dagegen
wird argumentiert, dass es bei Ungleichheit in Pikettys Perspektive weniger um
das Einkommensniveau von einzelnen Ländern ginge, sondern vielmehr um die
personelle Verteilung in den einzelnen Gesellschaften.
b)
Jan-Werner Müller: Demokratie und Meritokratie (11.02.2015), in: Neue Zürcher
Zeitung, http://www.nzz.ch/demokratie-und-meritokratie-1.18480133 v. 17.07.2015.
Müller
sieht in Piketty, anders als de Soto, keinen Feind des Kapitalismus, sondern
sogar einen „Anti-Marx“, der den Kapitalismus retten will. Sein Buch sei
letztlich ein Lob der modernen demokratischen Leistungsgesellschaft, die aber
„destruktive Tendenzen“ zur Zerstörung des Leistungsprinzips in sich trage.
c) Robert Boyer: Rez. Thomas Piketty: „Le capital au
XXIe siècle“ (12.12.2013), in: Revue de la régulation [online] 14,
2e semestre/Autumn 2013, https://regulation.revues.org/10352
v. 17.07.2015.
Boyer
stimmt ein Loblied auf die wissenschaftliche Herangehensweise von Piketty an.
Der Rezensent betont die Verbindung der von Piketty geforderten und teilweise
von ihm umgesetzten historisch-politischen Ökonomie mit der französischen
geschichtswissenschaftlichen Annales-Schule. Piketty breche mit seiner
Darstellung die Meinungsbildungsstruktur des ökonomischen Mainstreams, indem er
sich dem Kapitalismus nicht in abstrakten Modellen, sondern in langfristig
angelegten quantitativen Datenerhebungen nähere.
So
könne Piketty empirisch zeigen, dass die Cobb-Douglas-Produktionsfunktion (CDF)
eine zu stabile Verteilung zwischen Kapital und Arbeit annehme. Als Manko
begreift der Rezensent das „Spiel“ Pikettys mit der Neoklassik: mal wende er
sie wie selbstverständlich an, mal distanziere er sich von ihr. Boyer fehlt bei
Piketty eine schlüssige Theorie über die Daten – dennoch hofft er, dass der
Autor des neuen „Kapitals“ zum Schulbildner einer historisch-politischen
Ökonomik wird.
d) Tyler Cowen: Capital Punishment. Why a Global Tax
in Wealth Won’t End Inequality, in: Foreign Affairs (May/June 2014 Issue), https://www.foreignaffairs.com/reviews/review-essay/capital-punishment v. 17.07.2015.
Cowen
rückt Pikettys pessimistische Kapitalismusauffassung in die Nähe des Marxismus.
Seine empirische Herangehensweise sei zwar nicht grundsätzlich schlecht, seine
Schlussfolgerungen dagegen einseitig und vorschnell. Die Rolle der Erbschaften
bei der Vermögensverteilung überschätze er genauso wie die zukünftigen
Wirkungen der von ihm herausgestellten Mechanismen der Ungleichheit.
So
habe David Ricardo einst das uneingeschränkte Wachstum der Grundrente als
apokalyptisches Szenario beschworen, die technologische und soziale Entwicklung
habe die prophezeite Katastrophe aber nicht eintreten lassen. Cowen zeigt sich
als Gegner der Kapitalsteuer. Zum einen würde das Kapital sicher Wege finden,
auszuweichen, zum anderen sänken die privaten Investitionen und der Staat als
Empfänger der Steuereinnahmen sei erfahrungsgemäß kein guter Verwalter. Cowen
wird in der Runde als klassisch argumentierender Apologet des angeblich sozial
durchlässigeren US-Kapitalismus wahrgenommen.
e) Robert M. Solow: Thomas Piketty Is Right.
Everything you need to know about ‘Capital in the Twenty-First Century’
(22.04.2014), in: The New Republic, http://www.newrepublic.com/article/117429/capital-twenty-first-century-thomas-piketty-reviewed v. 17.07.2015.
Robert
M. Solow, Nobelpreisträger und einer der bekanntesten Wachstumstheoretiker der
Neoklassik, bespricht das Buch Pikettys äußerst wohlwollend. Man könne aus der
Rezension sogar eine Empfehlung für das Nobelpreiskomitee herauslesen. Nur
wenige kritische Äußerungen anführend, zeige der Altmeister Solow seine
Bereitschaft, eigene Erkenntnisse anhand neuer Forschungsergebnisse zu
reformulieren. So akzeptiere er die empirische Feststellung und die Prognose
Pikettys, dass – die neoklassische Grenzproduktivitätstheorie des Kapitals relativierend
– die Kapitalrendite bei wachsendem Kapitalstock nicht zwingend für alle
Kapitalbesitzer proportional sinkt.
Damit leite Piketty, so
Solow weiter, richtigerweise zumindest für die Zeit ab 1970 aus r > g eine
„rich-get-richer dynamic“ ab, denn “as long as the rate of return exceeds the
rate of growth, the income and wealth of the rich will grow faster than the
typical income from work”. Allerdings überlasse Solow die Regelung der
gesellschaftlichen Konsequenzen in „demokratischer Manier” dem freien
Bürgerwillen, auch wenn er Pikettys Kapitalsteuer durchaus als
Regelungsmechanismus in Betracht zieht.
f)
Hans-Werner Sinn: Thomas Pikettys Weltformel (13.05.2014), in: Frankfurter
Allgemeine Zeitung, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/hans-werner-sinn-ungleichheit-ist-nicht-so-einfach-wie-thomas-piketty-denkt-12933579.html v. 17.07.2015.
Hans-Werner
Sinn lehnt einfache Erklärungen nach Art von r > g ab, zumal die Formel
„eine Grundannahme der Wachstumstheorie sei“. Aber Vermögen wüchsen nicht
zwingend schneller als die Wirtschaftsleistung, dies sei nur der Fall, wenn der
Zinsatz [Sinn meint die durchschnittliche Kapitalrendite, F.F.] identisch mit
der Wachstumsrate der Vermögen sei. Das sei nicht realistisch. Er rückt
Pikettys Analyse ebenfalls in die Nähe von Marx, dieser habe schließlich mit
seinem „Gesetz von der wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals“
ähnliches bezweckt. Allgemein könne gesagt werden, dass die Entwicklung der
Einkommensanteile keinem Trend folge. Das habe die „linke Ökonomin“ Joan
Robinson schon 1942 gezeigt.
Die
Gruppe diskutiert die Rezensionen von Solow und Sinn. Während von Sinn kaum
etwas anderes erwartet wurde, wird die populärwissenschaftliche und lockere
Stellungnahme Solows als Überraschung wahrgenommen. Solow löse sich wohl im
Alter von einigen ideologischen Anschauungen, die in der neoklassischen
Wachstumstheorie bis heute eine große affirmative Rolle spielten.
Um
den Begriff der „Ideologie“ entfaltet sich eine Diskussion über Wertfreiheit
und weltanschauliche Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit bzw.
wissenschaftlichen Strebens. Ideologien hätten mit wissenschaftlich-sachlichen
Theorien nichts zu tun, die Arbeit des Ökonomen könne bei einer solchen
Herangehensweise demnach nicht ideologisch sein. Wirklichkeit und Wahrheit
stünden im Mittelpunkt einer Theorie, während sich Ideologie durch eine
interessengeleitete Verzerrung dieser beiden Kategorien auszeichne.
Die
andere Seite begreift Ideologien in einem weiten Begriff als Weltanschauungen,
welche die Theoriewahl beeinflussen. Schon von der Sozialisation eines
Individuums her sei seine Weltanschauung oftmals vor seinen Theorien da, ein
ideologischer/weltanschaulicher Einfluss auf die Theoriebildung im
Wissenschaftsbetrieb also nur logisch.
Hinzu
trete der Umstand, dass gerade die Ökonomik diejenige Sozialwissenschaft sei,
die nach den Regeln des gesellschaftlichen Interessenkampfes um materielle
Vorteile der Natur der Sache nach – ob als Stütze oder Kritikerin der
bestehenden materiellen Verhältnisse – am wenigsten von weltanschaulichen
Prägungen verschont bleiben könne. Man könne daraus ableiten, dass sich die
Ökonomik tatsächlich nicht durchgängig der Wirklichkeit und Wahrheit widme,
sondern sich auch aus weltanschaulich vorgeprägten Wissensmilieus speise.
g)
Thomas Piketty über seine Bewunderung des Kapitalismus (Interview mit Gerald
Braunberger, 25.05.2014), in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Fazit – das
Wirtschaftsblog), http://blogs.faz.net/fazit/2014/05/25/oekonomen-im-gespraech-4-thomas-piketty-ueber-vorzuege-des-kapitalismus-nachteile-hoher-ungleichheit-und-die-kosten-von-100-jahren-austeritaet-3988/ v. 17.07.2015.
Die
Diskussion aufgreifend wird eine Interview-Äußerung Pikettys zitiert:
„Ich
bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere
die Marktwirtschaft. Natürlich sehe ich, dass Wirtschaftswachstum vornehmlich
im Kapitalismus entsteht. Natürlich hänge ich am Privateigentum, weil es eine
Grundlage unserer Freiheit darstellt. […]
Ich gehöre einer Generation an, die niemals Sympathie für den
Kommunismus besaß.“
Es
wird darüber gemutmaßt, ob Piketty diese Äußerung zur Besänftigung einiger
seiner Kritiker tätigte oder ob er tatsächlich die eindeutig wertenden,
weltanschaulichen Überzeugungen, etwa den Anti-Kommunismus, vertritt. Ändert
seine „Bewunderung“ des Kapitalismus und des Privateigentums etwas an seiner
wissenschaftlichen Erfassung des Forschungsgegenstandes oder legt er lediglich
eine sachlich-kritische Analyse der Form der Wirtschaftsorganisation vor, deren
Wachstumsleistung er bewundert?
Die
Frage wird in der Gruppe unterschiedlich beantwortet. Einerseits: Seine
Äußerungen hätten nichts mit seiner wissenschaftlichen Arbeit zu tun.
Andererseits: Seine Äußerungen seien in dieser Vehemenz doch für eine
Einordnung seines Werkes sehr aufschlussreich. Doch Piketty sei für seine
widersprüchlichen Aussagen bekannt. Im weiteren Verlauf des vorgestellten
Interviews zeige er deutlich, dass er die rein „mathematische“ Begründung der
Ungleichheit mit „Gesetzen des Kapitalismus“ ablehnt und sie auch als Ergebnis
veränderbarer sozialer Prozesse ansieht.
„Ja,
sowohl die Wachstumsrate des Kapitals als auch die Wachstumsrate der Wirtschaft
sind abstrakte Begriffe, soziale Konstrukte.“
Diese
Aussage sei doch aber ein Allgemeinplatz, schließlich seien selbst
naturwissenschaftliche Begriffe wie „Kraft“ soziale Konstrukte, lautet eine
Reaktion. Weniger die soziale Konstruktion eines Begriffs als ein
gesellschaftliches Verhältnis deute Piketty damit an. Kapital als tote Masse
werfe nichts ab, erst das Kapital als soziales Verhältnis (privater
Kapitalbesitz) ermögliche die Existenz eines Produktionsüberschusses, der als
Kapitalrendite bezeichnet werden könne. Außerdem schaffe die gesellschaftliche
Arbeit das Kapital und nicht das Kapital Arbeit. Letzteres sei in der
Wirklichkeit nur beobachtbar, wenn ein bestimmtes soziales Machtverhältnis
wirtschaftsorganisatorisch dafür sorge, dass scheinbar „Unternehmer
Arbeitsplätze schaffen“.
Insofern
sei die Relativierung der „Grenzproduktivität des Kapitals“ durch die
historisch-soziale Entwicklung, die Piketty darstelle und die selbst Solow
durchaus nachvollziehen könne, ein Schritt weg von der sich
naturwissenschaftlich gebenden Ökonomik.
h)
Till van Treeck: Ungleichheit – das neue Mega-Thema (07.10.2014), in: Capital.
Wirtschaft ist Gesellschaft, http://www.capital.de/meinungen/ungleichheit-das-neue-mega-thema-2273.html v. 17.07.2015.
Till
van Treeck führt die breite Faszination von Pikettys „Kapital“ auf die
Kombination empirischer Daten mit „fundamentalen Gesetzen des Kapitalismus“
zurück. Sein ganzheitlicher Anspruch begründe in den Feuilletons „den Ruf eines
neuen Karl Marx“. Mit seiner empirischen Grundlegung und Ausarbeitung von r
> g provoziere er besonders die „neoklassische Orthodoxie“, die mit dieser
längst bekannten „Zauberformel“ aufgrund ihrer Annahmen über das Sparen nichts
Wesentliches zur Ungleichheitsforschung beitragen konnte.
Unterschiedliche
Vermögensgrößen, unterschiedliche Sparquoten – mit dieser Entdeckung hebele
Piketty die Harmlosigkeit von r > g aus. Der Rezensent kommt jedoch zu
abweichenden wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen und gibt den Ergebnissen
Pikettys einen nachfragetheoretischen Drall: „Der Kapitalismus kann auf Dauer
nur stabil sein, wenn die Einkommen der großen Masse der Bevölkerung im
Gleichschritt mit der Güterproduktion steigen.“
Die
weiteren Rezensionen konnten wegen Zeitmangel nicht mehr in der Gruppe
vorgestellt werden:
i) Rainer Sommer:
Financial Times gegen Thomas Piketty (28.05.2014), in: Telepolis, http://www.heise.de/tp/artikel/41/41892/1.html v. 17.07.2015.
j) Paul Krugman: Why
We’re in a New Gilded Age (08.05.2014), in: The New York Review of Books, http://www.nybooks.com/articles/archives/2014/may/08/thomas-piketty-new-gilded-age/ v. 17.07.2015.
k) Robert Skidelsky:
[Book Review] Why is inequality rising – and will it now fall?, in: Prospect, http://www.prospectmagazine.co.uk/features/book-review-capital-in-21-century-thomas-piketty v. 17.07.2015.
TOP 3 – Auswertung des Erwägungsseminars
In
einer kurzen offenen Runde wird über den Verlauf und die Bewertung des
Erwägungsseminars resümiert.
Das
Lesepensum – das gesamte „Kapital“ von Piketty – absolviert zu haben, sei
besonders positiv hervorzuheben. Die Intensität und die Vielseitigkeit der
Debatten seien für das Verständnis und die Einordnung des Buches sehr
förderlich gewesen. Auch Aha-Erlebnisse werden berichtet: So manches negative
Vorurteil über Piketty habe im Laufe der Auseinandersetzung nicht nur revidiert
werden müssen, sondern richtiggehend gewendet werden können.
Das
Konzept des Erwägungsseminars wird einhellig zur Nachahmung empfohlen, es gebe
nichts Vergleichbares im derzeitigen Lehrbetrieb. Es wird darauf hingewiesen,
dass man das Seminar auch im nächsten Semester wieder belegen könne.