Protokoll der 12.
Sitzung im SS 2015 am 03.07.2015
Beginn: 09.15 Uhr
Ende: 10.45 Uhr
Ort: WiFa Grimmaische Sr.
12, SR 7
Protokoll: F. Fehlberg
Anwesende: 8 Studierende; 2
Dozenten: F. und G. Quaas; 1 Protokollant: F. Fehlberg
TOP:
1.
Protokolldiskussion und -bestätigung
2.
Vorstellung eines Hausarbeitsthemas
3.
Diskussion der Quelle (Kapitel 15 aus Piketty: Das Kapital)
4.
Vorbereitung der nächsten Sitzung
TOP 1 – Protokolldiskussion und -bestätigung
Noch
einmal wird die Diskussion um den Wachstumsbegriff Pikettys aus der letzten
Sitzung aufgegriffen. Die Konzentration des Autors liege doch weitaus mehr auf
dem Wachstum des Kapitalstocks als auf den Komponenten des
Bevölkerungswachstums und der Technologieentwicklung. Besonders in seinen
Bezügen auf Marx (24f.) mache Piketty deutlich, dass für ihn nicht das
neoklassisch beschriebene Wachstum die Hauptrolle in der
Ungleichheitsentwicklung spiele. Je nach Stärke und Schwäche verleihe dieses
dem Prozess der Kapitalakkumulation lediglich seine (In-)Stabilität.
Auch
zeigten Abweichungen in der Argumentation zur Grenzproduktivität, dass Piketty
weniger neoklassischen Begriffen als eigenen Schlüssen aus den empirischen
Daten zum Akkumulationsprozess folgt (282f.). So sei mit der
Cobb-Douglas-Produktionsfunktion zwar eine abnehmende Grenzproduktivität bei
wachsendem Kapitalstock beschreibbar, aber nicht die von Piketty aufgezeigte
ungleiche Kapitalrendite sehr großer Vermögen.
Das
Protokoll der letzten Sitzung vom 26.06.2015 wird bestätigt.
TOP 2 – Vorstellung eines Hausarbeitsthemas
Die
Hausarbeit will die Zusammenhänge von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und
Instabilität in Pikettys Ausführungen beleuchten. Der Ausgangspunkt soll die
Behauptung sein, dass Pikettys Ethikbegriff seine Substanz in der Beschränkung
des Reichtums hat. Damit unterscheide er sich von anderen Ansätzen etwa von
Amartya Sen und John Rawls, welche von der Beseitigung von Armut ausgehen.
Während bei Rawls und Sen die absolut Ärmsten im Mittelpunkt ständen, vollführe
Piketty eine Analyse der Ungleichheit des relativen Reichtums und gehe damit an
den Problemen von 99 % der Menschheit vorbei.
Gegenüberzustellen
seien etwa die Dystopien von Piketty und Marx. Beschreibe Piketty eine nebulöse
gesellschaftliche Instabilität, die durch Konzentration und überproportionales
Wachstum großer Kapitale zustande komme, orientiere sich Marx an einer
Verelendungstheorie der unteren Schichten. In dieser Hinsicht erweise sich
Piketty in politischer Hinsicht als schwach. Sein Begriff der Gleichheit sei
durch seine kapitalkonzentrierte Herangehensweise und die Lösungsvorschläge
(u.a. Kapitalsteuer) unscharf. Zu diskutieren sei dabei, inwiefern Gleichheit
zu definieren sei und Gleichheit und Gerechtigkeit relativ bzw. absolut
verbunden seien. So könne mehr Gleichheit mehr Gerechtigkeit bringen, aber doch
nicht Gleichheit mit Gerechtigkeit gleichgesetzt werden.
Da
Piketty die Rolle des „Humankapitals“ nicht interessiere, führe er seine
Untersuchung und seien letztlich seine praktischen Lösungsvorschläge in der
Wirkungsrichtung „von oben“. Einen Ansatz „von unten“ durch Lohnpolitik oder –
ein mögliches Ergebnis der „Instabilität“ – durch Revolution lässt Piketty so
gar nicht als Möglichkeiten der Systemänderung erscheinen. In diesem
Zusammenhang wird auf die Revolutionstheorie von Charles Tilly verwiesen.
TOP 3 – Diskussion der Quelle (Kapitel 15 aus Piketty:
Das Kapital)
Antikapitalistischer
Steuerimperialismus? – Die progressive Kapitalsteuer
Das
Eingangsstatement hebt hervor, dass Pikettys Projekt einer globalen
progressiven Kapitalsteuer Teil eines Dreiklangs aus progressiver Einkommens-,
Erbschafts- und Kapitalsteuer ist. Weniger die Höhe des Steuersatzes spiele
zudem eine Rolle, als die für die Steuererhebung nötige Transparenz der
fiskalischen Daten. Im Zuge seiner Forderung nach intensivem Datenaustausch und
Durchleuchtung des Steuerbürgers könne Piketty nicht einmal das chinesische
System der Kaptalverkehrskontrollen überzeugend kritisieren.
Seine
utopischen Entwürfe einer sanktionierenden Gemeinschaft von
Kapitalsteuer-Staaten, die fiskalpolitische Abweichler durch Höchstzölle vom
Handel ausschlössen (709), erinnerten teilweise an protektionistische
Vorgehensweisen, ja trügen einen „imperialistischen Charakter“. Betone Piketty
immer wieder, dass Politik und Regierungsformen am System nichts änderten,
wolle er hier durch einen definitiven politischen Eingriff Fakten schaffen.
Damit übergehe er etwa souveräne Staaten in ihrer demokratischen
Entscheidungsfindung.
Dagegen
wird eingewandt, dass auch eine Gemeinschaft von Kapitalsteuer-Staaten
demokratisch legitimiert sein könne, also letztlich demokratische Interessen
auf unterschiedlicher organisatorischer Ebene aufeinanderträfen. „Steueroasen“
verzerrten etwa demokratische Strukturen anderer Länder durch ihre fiskalischen
Angebote. Außerdem müsse man beachten, dass Piketty seine globale Kapitalsteuer
als „nützliche Utopie“ begreife, also als Orientierungspunkt bzw. Katalysator
einer transparenteren Gestaltung der Kapitalströme in der Gegenwart. So könne
er sich auch nationale Kapitalsteuern vorstellen.
Über
die Höhe der Steuersätze wird eine polarisierende Diskussion geführt. Während
die eine Seite in zu hohen Sätzen eine Ungerechtigkeit gegenüber einigen, vor
allem kleineren, Kapitalbesitzern sieht, ist die andere Seite durchaus einer
Besteuerung in der von Piketty vorgeschlagenen Höhe zugeneigt. Dessen „Logik
des Anreizes“ (714), die Kapitalsteuer könne dazu führen, dass die
Kapitalbesitzer und -verwalter zu größtmöglicher Investitionseffizienz
gezwungen seien, trifft in formaler Hinsicht auf Zustimmung, unter
Gerechtigkeitsaspekten jedoch auf Kritik.
So
könne die Kapitalsteuer auch gerade im Sinne der großen Kapitale wirken (welche
die beste Kapitalverwaltung haben), indem durch die Niveausteigerung der
Konkurrenz Monopolbildung statt Kleinunternehmertum gefördert werde. So könne
eine kleine Bäckerei ihre Kapitalrendite nicht mit den Mitteln steigern wie
eine Großbäckerei.
Als
eigentliches Ziel der Utopie der globalen progressiven Kapitalsteuer wird
allgemein die Datentransparenz herausgestellt, die Piketty immer wieder
hervorhebe. Die vorausgefüllte Steuererklärung habe zwar rein technisch einiges
für sich, aber sie mache die Steuererhebung noch mehr zur Sache eines
Steuerbürgers, der nur mit einem Widerspruch im Nachhinein seine Interessen
geltend machen kann.
Zuletzt
wird darüber debattiert, wieso Piketty bei vielen Ökonomen regelrecht verpönt
sei. Zwar sei insbesondere der Vorschlag zur Kapitalsteuer sicherlich nicht auf
der Linie des theoretischen Mainstreams, aber seine vorherigen Ausführungen
bewegten sich doch nicht weit von gängigen Annahmen weg bzw. bestätigten diese
gar nur (z.B. r > g). Verdienstvoll arbeite Piketty dort, wo er empirisch
Lücken zu schließen vermag. Abgesehen davon, dass Piketty nicht gänzlich von
namhaften Größen der Zunft verworfen werde, könnte er durchaus aber mit seinen
plakativ vorgetragenen Schlussfolgerungen aus bereits bekannten Zusammenhängen
als Nestbeschmutzer wahrgenommen werden.
TOP 4 – Vorbereitung der nächsten Sitzung
Die
Diskussion zur Quelle der 12. Sitzung wird als abgeschlossen betrachtet. Bis
zur nächsten Sitzung am 10.07.2015 soll das 16. Kapitel sowie die
Schlussbetrachtung aus Pikettys „Kapital“ gelesen werden.