Protokoll 8 (SoSe2007)

Erwägungsseminar „Ökonomische und Politische Bedingungen der Globalisierung“

Protokoll zur Sitzung vom 14.06.2007



Thema: Volkert, Maak

Anwesende:Friedrun Quaas, Georg Quaas, Julian Baumgärtel, Christian John, Aileen Flöth, Markus Karig, Hubert Santer, Eva- Maria Schenk, Nadine Schenker, Susanne Schmied, Alexander Schubert, Martin Wildau, Felix Wilke, Axel Künstner, Ulrike Sieler

Protokollant: Martin Wildau


F. Quaas eröffnet die Sitzung mit lobenden Worten, dass das WIKI Fortschritte aufweist.

heutige Programmpunkte:



Das Problem, dass mit Volkers eigentlich Cay Folkers gemeint war, wird von A. Flöth behoben. H. Santers Kreisdiagramm soll als Ursprung des entstandenen Kreisdiagramms mit eingebaut werden.
F. Quaas merkt an, dass in Protokoll 7 bei der Diskussion über Weede eine Richtigstellung zu erfolgen hat. Der eigentlich korrekte Wortlaut wäre: „…, dass dies die typische Sichtweise eines liberalen think tanks sei."
Darauf folgend wird die Frage erörtert, wie Änderungen in Protokollen vorzunehmen sind:


Das Protokoll der letzten Sitzung gilt als bestätigt.


Die Kritik von Jürgen Volkert wird als erstes besprochen. Das Losverfahren setzt aus, da die Kritik durch E.-M. Schenk ausgiebig vorbereitet wurde.

Vorstellung der Kritik durch E.-M. Schenk:

Einleitend erklärt sie, dass sie den Versuch unternommen hat ein Phänomene-Theorien-Wertung-Schema aufzustellen, welches im Laufe der Sitzung besprochen und weiter ausgebaut werden könne. Die Kritik wird nicht wiederholt, da sie von allen gelesen wurde. Stattdessen möchte E.-M. Schenk Volkert und Radnitzky bezüglich ihrer Sichtweisen ins Verhältnis setzen. Beide (Volkert und Radnitzky) gehen von Fehlentwicklungen, wie z.B. Trittbrettfahrern und rent-seeking, aus. Radnitzkys Konzept ist das einer geordneten Anarchie. Volkert stellt dazu zwei grundsätzliche Fragen:



Begründet wird dies durch Volkert damit, dass das moralische Problem nur ein akademisches Problem sei und die geordnete Anarchie „nur“ ein unerreichbares Ideal. Das konzeptionelle Problem verhindere eine Umsetzung in die Realität.

Volkert stellt den Reputationsmechanismus, der nur gelten kann, wenn Leben und Eigentum des Anderen anerkannt werden (starkes Werturteil), infrage. Daran schließen sich sowohl Probleme mit Gewaltbereiten als auch Probleme mit strategischem Verhalten von Friedfertigen an (Abkehr von ökonomischen Prinzipien).

Volkert bezieht sich auf Radnitzky im Bezug auf Gruppen und die Ausbeutung der Minderheit. Er ergänzt Radnitzky dahingehend, dass demokratische Verfahren angewandt werden.

Fazit: Eine geordnete Anarchie ist ungeeignet das moralische Problem zu lösen.


Diskussion der Kritik:


E.-M. Schenk zeigt sich erstaunt, dass Radnitzky und Volkert von gleichen Anfangsvoraussetzungen ausgehen und solch unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen

E.-M. Schenk: Radnitzkys Überlegungen sind korrekt, aber für tatsächliche, reale Probleme irrelevant. F. Wilke: Wieso sind es die gleichen Anfangsvoraussetzungen? Die zwei Probleme rütteln an den Grundelementen Radnitzkys.

E.-M. Schenk verdeutlicht nochmals, dass mit den Anfangsvoraussetzungen die Grundprobleme Trittbrettfahrer und rent-seeking gemeint sind.

F. Quaas: Volkert versucht das Konzept der geordneten Anarchie zu denken, zieht daraus aber einen anderen Schluss als Radnitzky.

F. Quaas unterbreitet den Vorschlag, dass die Teilnehmer des Seminars als Gruppe detailliert Volkerts konzeptionelles und moralisches Problem der geordneten Anarchie differenzieren könnten.

M. Karig: Bei Radnitzky stimmen alle der geordneten Anarchie zu, hingegen unterstellt Volkert, dass ohne Zwang nicht alle Gruppenmitglieder zustimmen würden.
F. Quaas: Dies könnte als Existenzproblem einer geordneten Anarchie ausgelegt werden.

E.-M. Schenk erwähnt anerkennend das 2-Personen-Beispiel Volkerts mit Robinson und Freitag. Dies stelle den Sachverhalt schön vereinfacht und gleichzeitig plausibel dar.

F. Quaas: Volkert baut dieses Beispiel in nachfolgend behandelten Beispielen kontinuierlich aus. Er stellt heraus, dass sowohl im einfachen Robinson-Freitag-Modell, als auch in allen Erweiterungen das konzeptionelle Problem der geordneten Anarchie fortbesteht.

F. Quaas stellt daraufhin an die Seminargruppe die Frage, wie das moralische Problem zu deuten sei.

M Karig: Radnitzky überlässt alles dem Markt. Volkert dagegen kritisiert, dass nicht jeder Lebensbereich ökonomischen Effizienzkriterien zu folgen habe.

F. Quaas entgegnet, dass dies eher die Argumente der als nächstes zu behandelnden Kritik (Maak) sind. Volkert meine wohl mit dem moralischen Problem etwas anderes. Als Denkanstoß verweist sie auf Nutzeninterdependenzen. Zudem weißt sie nochmals darauf hin, dass das konzeptionelle Problem durch Volkert deutlich ausführlicher geschildert wurde als das moralische.

F. Wilke: Die Fußnote 9 scheint in dieser Frage sehr wichtig zu sein. Bei Radnitzky ist Freiheit ein Wert, den alle teilen (sollten). Volkert hingegen verweist auf andere Werte, wie beispielsweise die Wohlfahrtssteigerung. Im Interesse dieser kann es sinnvoll sein, die Freiheit einzuschränken.

F. Wilke erwähnt weiterhin, dass die Frage, welche Werte geteilt werden, ein Problem darstellen kann.

F. Quaas: Volkert unterstellt schon, dass jedes Individuum den Wert der Freiheit schätzt. Dies deckt sich mit der durch Radnitzky beschriebenen Welt. Wie also kann dann ein Problem entstehen? E.-M. Schenk: Volkert unterscheidet zwei verschiedene Freunde der Freiheit. Es teilen zwar alle den Wert der Freiheit, aber trotzdem stimmen immer einige für eine Umverteilung. Daraus folgt, dass zwangsläufig Mitglieder der Gesellschaft überstimmt werden. Das bedeutet, dass diese Situation somit zwangsläufig zu Radnitzkys Sündenfall der Politik führt.
F. Quaas: Volkert weicht in einem Punkt entscheidend von Radnitzky ab. Selbst wenn die Individuen nur ihrem Eigennutzen gehorchen, kommt es zu Nutzeninterdependenzen.

F. Quaas erklärt die interdependente Nutzenfunktion als Überschneidung der individuellen Nutzenfunktionen, wonach die eigene Nutzenfunktion auch von den Nutzenfunktionen der anderen abhängt. Als Beispiele könne man bei der Gegenüberstellung von „Arm“ und „Reich“ Tendenzen zu Altruismus bei "Reich" sehen. Auch kann es sein, dass "Reich", im Interesse der Stabilität des status quo, zu teilen bereit sei.

S. Schmied: Ist Altruismus aber nicht eher eine Ausnahme?
F. Quaas: Freunde der Freiheit müssten Altruismus befürworten, aber in Abschnitt 4.3 seiner Kritik äußert Volkert auch Befürchtungen bezüglich eines überbordenden Sozialstaates. Ersteres sei der zentrale Unterschied zwischen Volkert und Radnitzky.

F. Quaas wirft die Frage nach einer Einordnung der Volkert-Kritik in das Phänomene-Theorien-Wertung-Schema auf.

E.-M. Schenk: Es war sehr schwierig, die Bestandteile der Kritik in dieses Schema zu bringen, da Volkert eine Vielzahl von Problemen abhandelt. Als Phänomene könne man:

in das Schema einordnen.

F. Quaas: Eine besondere Beachtung sollten, bezogen auf ihre Stringenz, auch die Prämissen finden.
E.-M. Schenk: Die Prämissen sollten vielleicht in der Wertungsebene verankert werden.

Diese Ansicht wird von F. Quaas geteilt und dahingehend ergänzt, dass die erste Prämisse (Individuen müssen ausnahmslos dem Leben und Eigentum anderer zustimmen) einleuchtend sei und keine großen Schwierigkeiten mit dieser auftreten dürften. Warum aber ist die zweite Prämisse (Es bedarf einer begrenzten Gewaltbereitschaft und seitens der Friedfertigen muss auf strategisches Verhalten und einen lukrativen Missbrauch der Monopolmacht verzichtet werden) eine Abkehr von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten?

E.-M. Schenk: Stärkere und Schwächere handeln nicht interessenoptimiert. Man müsste im Interesse des Systems zumindest teilweise auf sein individuelles Rationalitätskalkül verzichten.

F. Quaas möchte herausgestellt wissen, was Volkert mit dem Missbrauch der Monopolmacht meint.
M. Karig geht auf Volkerts Beispiel des Schutzunternehmens ein und ergänzt, dass ein Missbrauch des Monopols auch ein strategisches Verhalten sei.

F. Quaas: Gerade kein Missbrauch des Monopols wäre ökonomisch irrationales Verhalten. Kombiniert man dies mit der zweiten Prämisse, welche laut Volkert eine Abkehr von den ökonomischen Gesetzen sei, bemerkt man bei Volkert einen Zirkelschluss.
A. Schubert: Wovor muss ein Individuum überhaupt geschützt werden, wenn die erste Prämisse hält?
F. Quaas: Zu beachten ist die Einschränkung, dass die Zustimmung zu Leben und Eigentum der anderen ohne Zwang geschehen soll.
A. Schubert: Wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Schutzunternehmen und Staat zu sehen?
F. Quaas: Man könne hier die Abstraktionsebene Radnitzkys sehen, auf der er die Legitimität des Staates hinterfragt. Als Alternative bietet Radnitzky bekanntlich dann die geordnete Anarchie an. Bei Volkert ist der Schutz allerdings wegen des Wegbrechens der ersten Prämisse nicht gegeben. Wer gewährt dann den Schutz des Lebens, Staat oder Schutzunternehmen?
A. Schubert: Radnitzkys Alternative funktioniert nur, wenn man an den Mechanismus der Reputation glaubt.

A. Schubert würde den Staat befürworten, da ein Schutzunternehmen auch an Reputation verlieren kann.

E.-M. Schenk/M. Karig: Dies entspricht genau Volkerts Argumentation!
F. Quaas: Volkert macht das Gedankenexperiment der Reputation mit, widerlegt es aber mit der durch A. Schubert wiederholten Argumentation.

F. Quaas fragt die Seminargruppe, wer den churning state in welcher Art und Weise verstanden habe.

E.-M. Schenk: Laut Internetrecherche bedeutet churning state im Wortlaut „gönnerhafter Staat“. Dies taucht in dieser Form bei Buchanan auf.
F. Quaas: Gemeint ist eher: Was er als Wohlfahrt ausschüttet, hat der churning state vorher von seinen Bürgern ergaunert. Erst danach stellt er sich als spendabler Gönner dar. Daraus entspringen auch die Bilder des Wohlfahrtsstaates als Butterfass oder Milchkuh, die gemolken werden kann.
E.-M. Schenk: Das Bild eines churning states wird von Radnitzky und Volkert geteilt.
F. Quaas: Aber die Konsequenz, die Radnitzky zieht (geordnete Anarchie), wird von Volkert keineswegs geteilt.

F. Quaas fragt, ob es noch weitere Ideen für das Schema gibt. Nachdem die Seminargruppe dies verneint, stellt F. Quaas kurz ihre Ideen für die Theorieebene vor.

Theorien:

Daran schließt sich die Frage nach Vorschlägen für die Wertungsebene an.

E.-M. Schenk: Reputationsmechanismen sind nicht ausreichend. Volkert empfiehlt demokratische Verfahren.
F. Quaas: Zusätzlich müsse noch die starke Wertung Volkerts beachtet werden, wonach er die geordnete Anarchie als ein unerreichbares Ideal bezeichnet. Radnitzky sei demnach ein Utopist.

Abschließend wird bemerkt, dass Volkert nur indirekt in einem Satz der Replik auftaucht und somit die Diskussion über Volkert vorerst beendet werden kann. E.-M. Schenk erklärt sich bereit, die getätigten Ausführungen in Gestalt zu bringen und ins WIKI einzufügen.
F. Quaas fordert die Seminarteilnehmer auf, diese Versionen, also auch alle anderen bisher behandelten Kritiken, nicht als "fertig" zu betrachten. Weitere Ideen können jederzeit im WIKI eingefügt bzw. in Diskussionen unterbreitet werden.


Vorstellung der Kritik Thomas Maak:

Anschließend wird die Kritik von Thomas Maak durch S. Schmied vorgestellt.

S. Schmied: Radnitzky unterstellt Eigennutzenmaximierung der Individuen, was laut Maak keine komplette Sichtweise ist. Maak unterstellt, dass die potentiellen Gewinner einer geordneten Anarchie Vertreter der liberalen Theorien seien. Die geordnete Anarchie ist aber so nicht anwendbar, da der Schluss von der Kleingruppe auf eine Großgruppe nicht gegeben ist. Maak bezeichnet weiterhin die Libertären als Sozialpessimisten und er kritisiert Radnitzkys Marktfixierung, die bei ihm Priorität gegenüber dem Staat habe. Die Kollektiventscheidung, welche Radnitzky als Sündenfall sieht, interpretiert Maak als gelebte Demokratie.

Um Maaks Kritik ins Schema einzuarbeiten, unterscheidet S. Schmied diverse Phänomene:

Nachfragen:

und

Theorien:



Wertung:

Zu der Replik Radnitzkys verweist S. Schmied auf zentrale Schlagworte: Maaks Ausführungen seien erheiternd, machtpolitisch verfilzter Sozialismus, Freiheit und Gleichheit sind unvereinbar, Wirtschaftsethiker sind Vertreter wertloser Ideologien.

Wenn sich S. Schmied zwischen Maak und Radnitzky entscheiden müsste, würde sie den Ausführungen Maaks zustimmen, da soziale Kriterien als ineffizient hinzustellen nicht erstrebenswert sei. Eine zivilisierte Gesellschaft sei zu bevorzugen.

F. Quaas stellt Maaks Kritik infrage und fragt die Semiarteilnehmer, ob diese für sie überzeugend ist.

S. Schmied: Maak vertritt eher einen philosophischen Standpunkt.
F. Quaas: Maak nutzt auch ökonomische Theorien, aber oftmals als Gegenargument zu Radnitzkys geordneter Anarchie. Warum ist die geordnete Anarchie laut Maak ein Modell für Bessergestellte?

Die Diskussion kommt schleppend in Gang.

F. Quaas: Wer schließt sich aus welchen Gründen Maak nicht an?
F. Wilke: Maak argumentiert schlecht und Gerechtigkeit und Steuergerechtigkeit sind leere Begriffe.
S. Schmied: Maak kritisiert doch, dass Radnitzky nur ökonomisch argumentiert, aber alle Individuen sind mündig, nicht nur ökonomisch erfolgreiche. Bei Radnitzky ist der erfolgreiche homo oeconomicus das Maß der Dinge. Man muss sich aber auch um die weniger erfolgreichen sorgen.
F. Wilke: Die Markteffizienz reicht für genügend Gewinne aus. Es fällt niemand hinten runter.
S. Schmied: Markteffizienz ist wichtig und funktioniert, aber trotzdem fehlt das Soziale.
E.-M. Schenk: Maak schildert eine heile Welt, dies klingt gut, ist aber unrealistisch.
S. Schmied: Man bekommt Moral anerzogen. Moral bzw. ein Folgen dieser könne man als Ziel sehen.
E.-M. Schenk: Markteffizienz existiert.
S. Schmied: Nach Maak ist ein absolutes Streben nach Markteffizienz aber nicht erstrebenswert.
F. Wilke: Nach Maak kann es auch eine wechselseitige Rücksichtnahme in einer nur vom Markt regierten Welt geben. Auf S.398 oben ist in Maaks Kritik ein Widerspruch.

C. John fragt nach der Nutzenfunktion. Wie passt hier der Altruismus?

F. Wilke: Man kann jeden Sachverhalt mit Nutzen messen.
C. John: Altruismus ist aber nicht unsozial.
T. Köhler: Volkerts Kritik ist besser, da er versucht Radnitzky mit seinem eigenen (R.´s) Paradigma zu widerlegen. Maak hingegen argumentiert nur mit Gerechigkeit und anderen hohlen Phrasen.
F. Quaas: Die Kritik von Maak geht nicht unbedingt auf Radnitzky ein. Was aber ist die Konsequenz aus Maaks Kritik? Das bleibt oft fraglich. Aber Maaks Plädoyer für Lebensweisen abseits des Wettbewerbs bleibt nichtsdestotrotz wichtig. Dies ist aber keine stichhaltige Widerlegung Radnitzkys. Maak schlägt bei Radnitzky auf etwas ein, was so nicht vorhanden ist. Das zeigt auch Radnitzkys heftiges Zurückschlagen in der Replik. Vielleicht sollte die Seminargruppe in Form einer Metakritik versuchen eine Lösung zu finden.

F. Quaas beschreibt die Tendenz der Kritik als stark ablehnend und den Charakter der Kritik als etwas irrelevant.

T. Köhler: Maak ist unwissenschaftlich.
F. Wilke: Woher kommen Maaks Werte?
S. Schmied: Die Werte kommen von Kant.
F. Quaas: Das Widerspruchsverhältnis von Wirtschaft und Ethik müsste integrativ aufgelöst werden. Bei den Libertären ist ein Übergewichten der Wirtschaft und bei den Ethikern eine Dominanz der Ethik zu beobachten.

S. Schmied schließt die Diskussion über Maaks Artikel, indem sie zusagt die Phänomeneliste ins Internet zu stellen.


F. Quaas gibt abschließend das Programm für die nächste Veranstaltung vor, bestehend aus:

und beendet damit diese Sitzung des Hauptseminars.


eingestellt am: 03:27, 21. Jul 2007 (CEST), M.Karig