Protokoll zum Erwägungsseminar „Globalisierung“ 5. Sitzung (21.11.2008)

Anwesende: siehe Teilnehmerliste!

Moderation: F. Quaas

1. Information

F. Quaas informiert die Teilnehmenden, dass nach dieser Sitzung die ersten eingetragenen Studenten aufgrund mehrfachen Fehlens von der Teilnehmerliste gestrichen werden.

2. Protokollbestätigung

Keine Veränderungswünsche. G. Quaas bemerkte, dass die Teilnehmer dieses Seminars „seltsam unkritisch“ in Bezug auf die im evoeco.forschungsseminar.de veröffentlichten Protokolle wären. Daraufhin kommt von F. Quaas die Frage, ob sich die Teilnehmer des Seminars die Protokolle überhaupt ansehen würden. Antworten darauf waren gemischt. Aus diesem Grund wird die Internetadresse der betreffenden Seite nochmals bekannt gemacht und klargestellt, dass die Protokolle nicht auf der „LEO“ – Seite zu finden sind, da diese hauptsächlich der Studienorganisation dient.

3. Verständigung über Kirchgässner

Nach Zustimmung aller Teilnehmer wird auf die Verlosung verzichtet und Frau Wagner gibt auf eigenen Wunsch hin das Eingangsstatement, indem sie die Kritik Kirchgässners in 8 Punkten ausführlich zusammenfasst. Anschließend wird versucht zu klären, ob Kirchgässer Ulrich in diesen Punkten zu Recht kritisiert. Es kommt die Frage auf, was überhaupt unter Kirchgässners Begriff „Kleinkosten-Situation“ zu verstehen sei. Ein Student meint, dass Kirchgässner zufolge immer dann so genannte Kleinkosten-Situationen entstehen, wenn es z.B. für einen Unternehmer wenig Kosten verursacht, moralisch zu handeln. Das müsse allerdings noch diskutiert werden, weil der Mensch nicht fähig sei, sich aus seiner gegenwärtigen Lage zu befreien. Kirchgässner reduziere den Menschen auf seine egoistische Natur. Dass Kirchgässner Marx in diesem Zusammenhang anbringt, wird nicht verstanden. Ein anderer Seminarteilnehmer versteht unter Kleinkosten-Situation, dass es auf dem Markt viele Akteure und keine Monopolisten gibt.

Das Menschenbild bei Ulrich ist Gegenstand reger Diskussion. Er wollte den Menschen als gar nicht so egoistisch darstellen und Kirchgässner kritisiere ihn in diesem Punkt zu Unrecht. In diesem Zusammenhang klärt F. Quaas kurz über Kirchgässners Hintergrund auf: er ist ebenfalls Professor in St. Gallen und hat in den 1990er Jahren ein Buch zum homo oeconomicus veröffentlicht und ist somit „Experte“ auf diesem Gebiet. Die Frage, ob der homo oeconomicus überhaupt ein Menschenbild sei und was die Studenten unter homo oeconomicus verstehen, wird folgendermaßen beantwortet: der homo oeconomicus sei vollständig rational handelnd und dabei immer den eigenen Nutzen maximierend. Dabei entsteht die Frage, was genau „rational“ bedeutet und ob sich dieses Verhalten nur auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt oder weitere (alle) Aspekte des Lebens durchdringt. Kirchgässner kritisiere Ulrich genau in diesem Punkt, nämlich, dass das homo-oeconomicus-Verhalten sämtliches menschliches Verhalten erklärt. Es kommt der Einwand, dass die Befriedigung von eigenen Bedürfnissen nicht zwingend rational sein muss.

Den gesamten Artikel betreffend, bemerkt ein Student, dass Kirchgässner Ulrich „nicht genug Stirn biete“ und sich nur um seiner selbst Willen verteidigt. Die Frage kommt auf, ob der homo oeconomicus selbst moralisch ist. Er wäre vielmehr ein Modell, um spezifisch ökonomisches Verhalten des Menschen zu erklären. Des Weiteren erkläre z.B. auch der homo moralicus menschliches Verhalten. Kirchgässner gehe mit seiner Kritik zu weit, wenn er behauptet, Ulrich verkenne die Natur des Menschen ((Kirchgässner 6)). Dass man das „nicht ändern könne“, sei von Kirchgässner zu fatalistisch. Im Weitern wird die Replik Ulrichs hinzugezogen. Ulrich weise die Kritik Kirchgässners zurück. Ulrich lehne das homo oeconomicus-Modell als solches gar nicht ab, sondern lediglich seine Überhöhung. Es kommt die Bemerkung, Ulrich und Kirchgässner hätten in diesem Punkt „aneinander vorbeigeschossen“.

Ulrich will keine direkte Veränderung von menschlichen Präferenzen, sondern will das Mittel der Moral bzw. der integrativen Wirtschaftsethik zur Aufklärung nutzen und somit u.U. zu einer Präferenzänderung führen. Er zeige dabei jedoch nicht mit dem moralischen Zeigefinger. Es kommt die Einwürfe, dass Präferenzen sich doch aber eher durch Informationen ändern ließen. Kirchgässners Kritik sei dann in diesem Punkt berechtigt, wenn er meint, dass Ulrich nicht angibt, wie sich denn Präferenzen verändern können. Aber man kommt überein, dass das gar nicht Ulrichs Ziel sei. Die Individualmoral kommt bei Kirchgässner nur „hinzu“ ((12-13)), wohingegen sie bei Ulrich der Sozialmoral gleichgestellt sei. Individualmoral diene als Vehikel zur Internalisierung von Regeln, Anreize würden nur auf dem Gebiet des Rechts reichen.

Die Frage, ob Ethik es nicht leisten müsste, auch konkrete Handlungsanweisungen zu geben, spaltet die Gruppe. Auf der einen Seite stünden Normen immer in einem zeitlich bedingten, kulturellen Zusammenhang. Aus diesem Grund „verrenne man sich schnell“ bei diesem Unterfangen. Außerdem sollte jeder einzelne Individualethik betreiben und sie gehöre nicht in den Wissenschaftsbereich. Ein fertiger Gesellschaftsentwurf sei nicht zu leisten. Auf der anderen Seite aber sind feste Normen gerade in der Wirtschaftsethik gefragt (z.B. Unternehmensethik, Unternehmensphilosophie). Man studiere doch Wirtschaft, um Handeln zu beeinflussen. Die Gesellschaft stünde außerdem vor ethisch wichtigen Fragen, die eine konkrete Antwort brauchen (z.B. Abschaffung der Kinderarbeit? Ja/ Nein?) Es erfolgt kein Widerspruch seitens der anderen Teilnehmer. Als Antwort hierzu wird gegeben, dass die Grundsatzdebatte über Wirtschaftsethik noch nicht beendet sei und sich bis heute noch kein Paradigma durchgesetzt habe. Abschließend zu diesem Komplex kam die Frage auf, ob Wirtschaftsethiker eher aus dem Bereich der Wirtschaft oder der Ethik kämen. F. Quaas antwortete, dass Wirtschaftsethiker vielfach einen philosophischen Hintergrund hätten.

Bezüglich Kirchgässners Vorwurf des „Kognitivismus“, ist man sich nach wiederholten Versuch der Begriffsdeutung einig, dass Kirchgässner in diesem Punkt unverständlich ist. Ulrich verstehe wiederum Kirchgässner falsch und widerspricht sich in seiner Replik mit ihm. Es wird zum wiederholten Mal festgestellt, dass Ulrich von Kirchgässner kritisiert wird, wobei im Ergebnis wiederum kaum Unterschiede zu Ulrichs Standpunkt auszumachen sind (z.B. „lebensdienliches Wirtschaften“ vs. „gesellschaftliches akzeptables Wirtschaften“).

4. Festlegung des nächsten Diskussionsgegenstandes

Nach kurzem Meinungsaustausch wird festgelegt, dass kein neuer Text vorzubereiten ist. Es bleibt bei der Kritik von Pies.

Protokollantin: M. Schmidt