Protokoll vom Erwägungsseminar am 26.04.2013


Anwesende: F. Quaas, S. Koth, A. Ludwig, B. Friedländer, S. Melch, P. Poulet, I. Koreng, M. Elias

Protokollführerin: M. Elias
 
Tagesordnung:
TOP 1: Bestätigung des Protokolls der letzten Sitzung
TOP 2: Kritiken zum Text von Ulrich Witt von Frank Beckenbach und Kurt Döpfer

TOP 1: Das Protokoll der letzten Sitzung wurde von allen Anwesenden bestätigt. Ergänzt werden sollten nur noch die Texte, die zum nächsten Termin zu lesen waren.
Weiterhin wurde die Verschiebung des Seminars vom Freitag, 09.05.2013, auf Montag, 13.05.2013, um 13.15 Uhr beschlossen. Der Raum wird noch bekannt gegeben.

TOP 2: Kritiken am Text „Beharrung und Wandel – ist wirtschaftliche Evolution theoriefähig?“ von Ulrich Witt
1. Kritik von Beckenbach

Das Statement kam von M. Elias. Neben der Feststellung, dass Beckenbach durchaus scharfe Kritik am Text übt, zielte es vor allem darauf ab, ob der Veränderungsalgorithmus, den Beckenbach als Verbesserungsvorschlag ins Spiel bringt, eine gültige Alternative zu Witts Kontinuitätsthese darstellt.
F. Quaas umriss daraufhin noch einmal das Analyseschema zur Strukturierung der Diskussionen:
1. Welche Phänomene greift der Autor des Textes auf? Dabei sind auch die Metaphänomene wichtig: Welche Phänomene des Ursprungstextes werden vom Kritiker aufgegriffen?
2. Welche Aussagen macht der Kritiker und mit welchen Argumenten stützt er seine Position? Welche Werte, Regeln oder Normen sind erkennbar?
3. Erfolgt eine persönliche Wertung der Kritiker? Besonders in den Schlussaussagen wird oft deutlich, ob es sich um sachliche Kritik oder persönliche Ansichten handelt.

Zu Beginn der Diskussion wurde Beckenbachs Kritik an der Kontinuitätshypothese Witts aufgegriffen. Diese besagt, dass der Evolutionsgedanke ausgehend von der biologischen Evolution auf andere Domänen übertragen werden kann, um einen theoretischen Zugang zu ermöglichen. Hier wurde angemerkt, dass Beckenbach Witts Übergänge von der biologischen Grundausstattung zum kulturellen Wissen und Restriktionen der Produktion als zu unklar kritisiert.

Laut Beckenbach macht Witt den Beginn der kulturellen Evolution am Überkommen der Restriktionen fest. Die Frage, ob diese Interpretation zulässig sei und Witt tatsächlich eine so klare Grenze gezogen habe, dass der erste Werkzeugeinsatz die kulturelle Evolution eingeläutet habe, wurde positiv beantwortet, da Witt die Werkzeuge als Überwindung der biologischen Anfangsausstattung und damit der Restriktionen darstellt. Zudem wurde festgestellt, dass die kulturelle Evolution auch auf die heutige Gesellschaft übertragbar sein muss. Beckenbachs Kritik werde also dadurch unterstützt, dass es heute immer noch notwendig ist, dass wir Instrumente bauen und somit kulturelle oder Grund-Bedürfnisse befriedigen. Allerdings wurde auch festgestellt, dass Beckenbachs Interpretation die Kontinuitätshypothese Witts eher überspitzt darstellt.

Als nächstes Diskussionsthema wurde erörtert, welche Ideen Beckenbach selbst einbringt. So sind Hinweise zur Kognition und auf Hayeks Stadienlehre zur Entwicklung der Gesellschaften im Text erkennbar, werden jedoch nicht weiter ausgeführt. Letztere greift die Idee auf, dass kulturelle Entwicklung einsetzt, wenn die Menschen merken, dass sie Dinge ändern können und aufklärerische Ideen sich ausbreiten können.

Beckenbachs Kritik stützt sich auf drei Grundlagen aus Ulrich Witts Text:

1.       Die Kontinuitätshypothese

2.       Die Theoriefähigkeit

3.       Die Generalisierbarkeit der ökonomischen Evolution,

die an den Sphären Produktion und Konsum genauer untersucht werden.

Dabei wurde diskutiert, inwiefern die Produktion durch die biologischen Grundlagen beeinflusst wird beziehungsweise wie die Produktion durch die Restriktionen vorgegeben ist. Allerdings seien heute Manipulationen der Restriktionen möglich, sodass eine strikte Trennung von biologischer und kultureller Evolution schwierig geworden sei.

Andererseits könnte man die biologischen Produktionsrestriktionen auch so interpretieren, dass die Menschen dazu gezwungen sind, ihre Grundbedürfnisse zu produzieren. Spezialisierung hat dazu geführt, dass dies nun zu anderen Konditionen als beispielsweise im Mittelalter geschieht.

Im Hinblick auf die Theoriefähigkeit wurde angemerkt, dass Witt keine Erklärung für die Reproduktion der kulturellen Entwicklung anbietet und auch bei Beckenbach nur eine Fußnote dazu erscheint. Ein möglicher Ansatz könnte im Buch „Warum Nationen scheitern“ von Daron Acemoglu und James A. Robinson zu finden sein, die erklären, dass der wirtschaftliche Erfolg einer Nation von ihren Institutionen abhängt: einerseits gibt es inklusive Institutionen, die ökonomische Anreize setzen, andererseits extraktive, in denen Ausbeutung der Ressourcen und Unternehmer stattfindet. Auch Adam Smiths „Reichtum der Nationen“ mit seiner Arbeitsteilung als gesellschaftlicher Form der Produktionskoordination wurde in diesem Zusammenhang genannt.

Anschließend kam die Frage auf, ob man evolutorische Prozesse überhaupt klar abgrenzen kann, da auch Regeln und Institutionen einer Entwicklung unterliegen. Dass Witt diese Evolution von Systemen nicht genauer erläutert, wurde ebenso kritisiert wie seine unklare Abgrenzung der  biologischen „Anfangsausstattung“  des Menschen von der kulturellen Evolution.

Zudem wurde darauf eingegangen, dass Beckenbach den Begriff der Knappheit als ökonomische Ursache für die Weiterentwicklung der kulturellen Evolution einführt.

Weiterhin gibt es um den Begriff des „gleichbleibenden Veränderungsalgorithmus“, der bei Witt eher schwammig bleibt und von Beckenbach kritisiert wird. Allerdings spezifiziert auch er nicht die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten von Veränderungsalgorithmen und legt den Darwinismus als generelles Konzept für alle Domänen zugrunde. Jedoch verwahrt er sich dabei gegen den Universaldarwinismus: Dieser habe zu platte Analogien und keine kognitiven Lerneffekte auf die Gesellschaft.

Als Kompromiss wurde beschlossen, dass Witt sich auf die generischen Eigenschaften des Darwinismus bezieht, sich jedoch gegen die platten Analogien wehrt, wo diese nicht angebracht sind.

 

Bevor er zweite Text, die Kritik von Kurt Dopfer, behandelt werden konnte, gab es noch eine Diskussion über die Abgrenzung der Neoklassik von der evolutorischen Ökonomik: Während die evolutorische Ökonomik den Ablauf im Wandel der Zeit untersucht, ist die Neoklassik in ihrem mikroökonomischen Kern des Gleichgewichtskonzepts nicht dynamisch. Allerdings ist die Dynamik auch in der Evolutorik trotz ihres Anspruchs nicht immer zu erkennen.

Zum nächsten Mal zu lesen sind noch einmal die Kritik von Kurt Dopfer sowie die Kritik von Greshoff und Winter.

 

Protokollzusatz: Die fehlenden Abbildungen in einigen Kritiken können inzwischen an der gewohnten Stelle gesondert heruntergeladen werden.