Protokoll zum Erwägungsseminar „Globalisierung“ 3. Sitzung (22.04.2008)

 

Moderation: F. Quaas/G. Quaas

Protokoll: Florian Ferger

 

Das Kurzprotokoll vom 08.04.2008 wurde ohne Änderungen bestätigt.

Das Protokoll vom 15.04.2008 wurde mit Änderungen bestätigt.

(1) Eingangsstatement zu P. Ulrich:

Dieser fordert eine „Ökonomie der Lebensfülle“, die er dem Ökonomismus entgegenstellt und die Selbstbegrenzung des Menschen impliziert. Es stellt sich die Frage, wie eine „Ökonomie der Lebensfülle“ umgesetzt werden kann, was wiederum zu dem Ort der Moral in P. Ulrichs Ansatz führt:

- Öffentlichkeit der Bürger? (Die Öffentliche Meinung missbilligt egoistisches Vorteilsstreben)

- Individuelle Verantwortung?

Im Seminar scheint Konsens zu herrschen, dass nur beides zusammen möglich sein kann. Der Bürger muss institutionell abgesichert individuelle Verantwortung übernehmen.

Die institutionellen Rahmenbedingungen sind bei P. Ulrich die Wirtschaftsbürgerrechte.

(2) Wirtschaftsbürgerrechte?

Ist der Bürger nicht durch ständiges Abwägen des moralisch richtigen Handelns überfordert? Warum sollte der Manager Selbstbeschränkung walten lassen?

Ort der Moral?

Die unbegrenzte Öffentlichkeit oder nur die Rahmenordnung?

(3) Was ist der republikanisch gesinnte Wirtschaftsbürger (RGWB)?

Bürgerrechte = Rechte, die die Kräfte des Marktes überschreiten.

Republikanische Gesinnung: Der Bürger ist der Res Publica, der öffentlichen Sache verpflichtet.

Bürgerrechte vor Marktfreiheit.

Oder ist nur der Bürger gemeint, solange er wirtschaftet (Aspekte wirtschaftlichen Handelns?) Problem: Im Bereich der Wirtschaft gilt nicht die unbegrenzte Öffentlichkeit.

Ulrich geht vom politischen Bürger aus (Rawls, Dahrendorf) und kommt dann in ((46)) zum republikanisch gesinnten Wirtschaftsbürger (RGWB).

Als Arbeitsthese wird festgehalten: Der Wirtschaftsbürger ist der politische Bürger, solange er wirtschaftlich handelt.

(4) Wie sieht Ulrichs Gesellschaftsordnung aus?

- Ort der Moral ist sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft, da Regeln und Regelkonformität nicht ausreichen.

Das Individuum muss auch in die geeignete Rahmenordnung investieren (bei Homann ist nicht klar, wie diese entsteht), bei Ulrich wird sie von Individuen mitgestaltet.

(5) Demokratiedefizit in Ulrichs Konzept?

Es wird die These aufgeworfen, dass Ulrichs Konzept auch in einem undemokratischen Staat funktionieren könnte. Der Verweis auf Kant könnte auch auf eine aufgeklärte Monarchie bei Ulrich hinweisen. Ulrich ist sich den Defiziten der Demokratie durchaus bewusst. Wenn sich der RGWB dem gerechten Zusammenleben unterordnet und sich an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligt, scheint das demokratisch. Allerdings ginge das auch im Falle einer aufgeklärten Monarchie in der der Monarch auf seine Bürger hört.

Dann wäre Ulrich so elitär wie die Ordnungsethiker: Es müsste irgendeine höhere Macht geben, der der 'richtige' Rahmen (=Gesellschaftsordnung) bekannt ist und die diesen im Sinne der Bürger umsetzt.

Damit wäre Ulrichs Konzept auch für autoritäre Gesellschaftsformen interessant und ließe sich für nationalistische Politik instrumentalisieren: Im engen nationalstaatlichen Rahmen ließe sich diese Ethik am ehesten umsetzen. Zu Ende gedacht wäre Ulrichs Konzept auch auf die nationale Volksgemeinschaft anwendbar.

Konsens der Gruppe scheint zu sein, dass dies nicht die Intention Ulrichs sein kann. Der  RGWB steht in liberaler Tradition, gegenüber dem der Nationalsozialismus antiliberal und ausschließlich dem Volke verpflichtet ist.

Im Sinne Rawls'/Habermas ist davon auszugehen, dass in Ulrichs Gesellschaft Meinungsfreiheit gegeben ist und in realen totalitären Staaten nie völlige Meinungsfreiheit existiert hat – Ulrichs Konzept daher für pluralistische Gesellschaften konzipiert ist.

(6) Sozialistischer Gedanke?

Gemeinnutz scheint bei Ulrich vor Eigennutz zu stehen (Selbstbeschränkung). Ist das sozialistisch? Eher geläutertes Selbstinteresse, Gemeinnutz steht auch im Grundgesetz.

(7) Relevanz der Diskussion?

Im Rahmen der Topologie der Moral scheint es wichtig zu sein. Ist der Ort der Moral nicht nur die Rahmenordnung, dann muss der RGWB verstanden werden, da er der Schlüssel zu sein scheint. Allerdings scheint nicht klar, ob der RGWB ausreicht, um einen anderen Ort der Moral zu begründen.

(8) Ökonomismuskritik?

Ist dazu eine neue Ethik notwendig? Zum Aufdecken der normativen Überhöhung der ökonomischen Theorie wäre die Wirtschaftstheorie ausreichend.

 

Schließlich scheint zum Aufdecken des „Normativen in der ökonomischen Sachlogik“ die Wissenschaftstheorie vollkommen ausreichend. Es wird argumentiert, dass dies stimme, Kritik aber auch aus Perspektive der Wirtschaftsethik möglich sei. Es scheint ja gerade nicht-ethische Kritik zu sein, wenn gezeigt wird, dass die Ökonomie normativ ist. Das Problem wäre dann nicht die Ökonomie, sondern die Anwendung der Ökonomie.

(9) Effizienz?

Es wird die Frage aufgeworfen, ob Effizienz als moralische Handlungsanweisung verstanden werden kann. Allerdings scheint Effizienz sowohl moralisch als auch unmoralisch sein zu können und wäre damit amoralisch. Muss also ökonomische Sachlogik von der Handlungslogik der Akteure getrennt werden? Es herrscht keine Klarheit, ob das analytisch möglich ist – in der angewandten Ökonomik sicherlich nicht.

Fordert der ökonomische Imperialismus: Handle nach dem Nutzenprinzip?

 

 

Zur nächsten Stunde wird die Kritik von Blum gelesen.

Außerdem das Kellerpapier als Reaktion auf das Quaas-Papier (beide im Evoeco-Forum).