Georg Quaas:

Nochmals zu Peter Ulrichs Hauptartikel: Probleme schon mit den ersten Absätzen

((1)) Ein Ergebnis des Erwägungsseminars zur Diskussionseinheit von Peter Ulrich im Wintersemester 2007/08 war, dass Ulrichs Kritiker – obwohl sich darunter bekennende Anhäger Poppers befinden – kaum zwischen deskriptiven und präskriptiven Sätzen differenzieren zu können scheinen. Offen blieb die Frage, wie es damit bei Peter Ulrich aussieht.

((2)) In ((HA 1)) verweist Peter Ulrich auf zwei Ansätze der Wirtschaftsethik, durch die sie (i) als angewandte Ethik oder (ii) als normative Ökonomik charakterisiert wird. Er selbst bestimmt die Aufgabe einer (angewandten Ethik? Normativen Ökonomik?) so: „Es ist der normative Gehalt der ökonomischen Rationalität selbst, den es ethisch-kritisch zu ergründen und möglicherweise neu zu begründen gilt.“ Das unterstellt zweierlei: (i) dass die Wirtschaftsethik nicht nur eine kritische Funktion, sondern auch eine Begründungsleistung (für ethische Imperative) zu erbringen hat; (ii) dass der normative Gehalt der ökonomischen Rationalität eine ethische Dimension hat.

((3)) In ((HA 2)) wird die Existenz eines normativen Gehaltes als Gegenstand der Wirtschaftsethik noch einmal unterstrichen: „Das Normative steckt immer schon in der ökonomischen ‚Sachlogik’ drin – es muss ihr nicht erst als etwas ihr Äußerliches und Sachfremdes, als das Andere der ökonomischen Vernunft, hinzugefügt oder übergestülpt werden…“ Hier stellen sich mehrere Fragen: Was ist mit der ökonomischen Sachlogik gemeint? (i) Die Verhältnisse, die das Verhalten der Menschen, sagen wir: in einer Marktwirtschaft, determinieren? Oder (ii) das Nutzenkalkül, nach dem die Menschen handeln? Oder (iii) die verschiedenen ökonomischen Theorien, die über die ökonomischen Verhältnisse und das Denken der Menschen über sie ausgedacht worden sind? Eine ganz andere Art von Fragen ergibt sich aus der ethischen Fragestellung: Gesetzt, die ökonomische Sachlogik hat einen normativen Gehalt, woher haben wir dann die Gewißheit, dass es sich um ethische Normen handelt?

((4)) ((HA 2)) legt nahe, die erste Gruppe von Fragen im Sinne von (iii) zu beantworten: Ulrich definiert insbesondere die „Axiomatik“ der neoklassischen Ökonomik als Gegenstand der philosophisch-ethischen (Selbst-) Reflexion. Letztere greift ins Leere, wenn die Ökonomik keinen normativen Gehalt hätte, wenn man sie also rein deskriptiv interpretiert. Ökonomen, die ihre Theorien als rein dekriptiv ansehen, werden sich durch Ulrichs Wirtschaftsethik kaum angesprochen fühlen. Um einen Widerpart zu haben, braucht Ulrich Ökonomen, die der Ökonomik einen normativen Gehalt zusprechen. Diese hat er in Homann und seinen Anhängern gefunden.

((5)) Nach Absatz ((HA 3)) kann jeder, der Theorien für rein deskriptiv hält, als geistiger Tiefflieger gebrandmarkt werden: „Man muss sich eben zunächst einmal vertieft auf die geistes- und dogmengeschichtlich voraussetzungsreiche ökonomische Axiomatik und Logik einlassen, um deren normative Tiefenstrukturen wahrnehmen zu können und nicht vorschnell dem Anschein der "reinen" Sachlichkeit der heute gängigen, wirkungsmächtigen ökonomischen Denk- und Argumentationsform zu erliegen.“ Genauer gesagt wird man dann zum Apologeten des ökonomischen Rationalismus. „Tritt dieser mit dem Anspruch auf, die ökonomische Ratio, im Sinne ihrer neoklassischen Definition als Effizienz (nutzenmaximierender Einsatz knapper Mittel), verkörpere schon die ganze ökonomische Vernunft, so übernimmt er die ideologische Funktion des Ökonomismus und wird so zu einer Weltanschauung, die im Jargon der puren Sachrationalität einer grenzenlosen Ökonomisierung unserer Lebensformen, der Gesellschaftsordnung sowie des Denkens ("ökonomischer Imperialismus") das Wort redet.“

((6)) Ulrich setzt voraus, dass die ökonomische Rationalität an sich eine normative Dimension hat. Wenn das so ist, dann ist jeder, der diese normative Struktur nicht erkennt, auf einem Auge blind und läuft Gefahr, unreflektiert Normen zu vertreten, über deren ethische Dimension er besser nachdenken sollte. Aber ist diese Voraussetzung akzeptabel? Haben Sätze an sich einen normativen Gehalt? Das kommt auf den Kontext an! Spätestens mit Max Weber ist dieses Problem allen bewußt geworden. Die Lösung des Problems lautete zunächst, die normative Dimension möglichst zu unterdrücken und – wo das nicht möglich ist – deutlich zu kennzeichnen. In der analytischen Philosophie wurde dann klar zwischen deskriptiven und präskriptiven Sätzen unterschieden und die Forderung aufgestellt, Theorien mit Hilfe von deskriptiven Sätzen zu formulieren. Sollte dann immer noch ein normativer Rest vorhanden sein, so ist dies als dem theoretischen Status einer Theorie inadäquate Interpretation anzusehen und – zu kritisieren.

((7)) Worüber redet Ulrich also? Über ökonomische Theorien, die so unscharf formuliert sind, dass man sie normativ interpretieren kann? Über Ökonomen, die wissenschaftstheoretisch so ungebildet sind, dass sie deskriptiv formulierte Theorien normativ interpretieren? Wäre letzteres der Fall, so müßte Ulrich diese Ökonomen auf den Unterschied zwischen deskriptiven und präskriptiven Sätzen aufmerksam machen. Da er das nicht tut, unterstellt er also, dass „die ökonomische Theorie“ in der Regel so unsauber formuliert wird, dass sie mit Fug und Recht normativ interpretiert werden kann. Dem kann man dann selbstverständlich auch andere Normen gegenüberstellen.

((8)) Wer „die ökonomische Theorie“ nur in unsauberer Formulierung kennt, kann sie auch nur so darstellen. Ein Beispiel ist bereits zitiert worden. Hier noch einmal die Kernaussage, wonach die (neoklassische) Definition der ökonomischen Ratio in der Effizienz (=nutzenmaximierender Einsatz knapper Mittel) bestehe. Ist das ein deskriptiver Satz? Oder ein präskriptiver Satz? So wie ihn Ulrich notiert, ist es nicht einmal ein vollständiger Satz. Der Text legt genaugenommen nur nahe, Effizienz als nutzenmaximierenden Einsatz knapper Mittel zu definieren. Was folgt daraus? Eine Sprachregel, wie das Wort ‚Effizienz’ zu benutzen ist, aber mehr auch nicht. Hätte diese Definition einen darüber hinausgehenden normativen Gehalt, so müßte man beispielsweise folgenden Imperativ ableiten können: „Handle stets effizient!“

((9)) Noch einmal zurück zu Ulrichts (vorwegnehmende) Kritik des ökonomischen Rationalismus im Absatz ((HA 3))! Besteht das Normative vielleicht darin, dass der ökonomische Rationalismus mit dem Anspruch auftritt, Effizienz „verkörpere schon die ganze ökonomische Vernunft“? Bekanntlich reduziert sich die Neoklassik nicht auf die Definition eines einzigen Begriffes. Ihr Theoriegebäude ist wesentlich umfangreicher. In dieser Hinsicht kann man also „der ökonomischen Theorie“ keine Beschränkung auf die Effizienz unterstellen. Offenbar meint Ulrich, dass „die ökonomische Theorie“ neben der normativ gewendeten Effizienz keine andere Norm (aner-) kennt und diese Norm alle anderen ethischen Normen zunehmend verdrängt oder gar schon verdrängt hat.

((10)) Gegenstand der Kritik Ulrichs ist demnach die normative Interpretation der (neoklassichen) ökonomischen Theorie, insbesondere der Effizienz, als alleingültiger ethischer Wert aufgefasst. Wiederum kann man mit Blick auf die Homann-Schule sagen: Gut, dass es sie gibt! Denn ohne diese Schule müßte Ulrich sich an das schwierige Geschäft wagen, tatsächlich in die Tiefenstruktur der ökonomischen Theorie hinabzutauchen, um nachzuweisen, dass aus der Definition der Effizienz und der wichtigen Rolle, die dieser Begriff in der Theorie spielt, der Satz ableitbar ist: „Handle stets effizient!“

((11)) Gesetzt, Ulrich gelänge es, jenen Satz abzuleiten. Handelt es sich dann um einen ethische Norm? Ein guter Automechaniker kann beispielsweise sehr effizient ein Auto reparieren, erfüllt er damit eine ethische Norm? Es mag sein, dass er das damit indirekt tut: Er verletzt beim Autoreparieren keines der zehn Gebote, er erfreut den Zahrzeughalter und den Inhaber der Werkstatt, was für ein menschlich gute Atmosphäre sorgt, er hat etwas mehr als andere Mechaniker in der Lohntüte, was für ihn und für seine Familie sehr nützlich ist und darum auch als moralisch einwandfrei empfunden wird. Trotzdem also Effizenz menschliches Handeln reguliert und eine Reihe von erfreulichen Resultaten haben kann, möchte ich behaupten, dass es keine ethische Regel ist.

((12)) Dafür gibt es mehrere Gründe.

(i) Effizienz ist eine technische Regel, d.h., sie orientiert menschliches Handeln, wenn sich dieses primär auf Dinge richtet, dagegen haben moralische Regeln die primäre Funktion, ein Handeln zu leiten, das sich an andere Menschen wendet. In gewissen Zusammenhängen spielt die Tatsache, dass Menschen selbstbewußt entscheiden können, keine Rolle, so dass dann auch Menschen wie Dinge (Kant: bloß als Mittel zu einem Zweck) behandelt werden und „Effizienz“ hier ein ökonomisches Prinzip sein kann. Sobald aber Menschen als solche betroffen sind (Kant: wenn sie nicht nur als Mittel behandelt werden), kommen ethische Regeln ins Spiel, die das Prinzip der Effizienz dominieren.

(ii) Effizienz ist eine technische Regel, die in einem bestimmten Zusammenhang relevant wird, wenn es nämlich darauf ankommt, Nutzen zu maximieren. Um dieser Regel den Anschein einer moralischen Norm zu geben, muß der Nutzensbegriff so allgemein formuliert werden, dass jegliches Handeln als effizient gelten kann. Der Bub, der mit seinen Bausteinen wieder und wieder einen Turm baut, nur um ihn dann wieder umzuwerfen, handelt „effizient“, weil er offenbar auf diese (ansonsten für einen Turmbau höchst ineffiziente) Weise seinen Nutzen maximiert. Es ist offensichtlich, dass die ökonomische Theorie hier ihr angestammtes Gebiet zweckmäßiger Tätigkeit bei weitem überschritten hat. Effizienz in diesem weiten Sinne kann dann tatsächlich eine ethische Bedeutung erhalten: Und zwar als eines der wesentlichen Prinzipien, die der utilitaristischen Ethik zugrunde liegen.

(iii) Die vom Utilitarismus begründeten ethischen Normen sind dominant gegenüber dem engeren ökonomischen Prinzip der Effizienz: Eine Krankenschwester, die ökonomisch effizient handelt und die von ihr verlangten Handgriffe möglichst zeit- und kostensparend ausführt, handelt bei einem Patienten, der einsam ist und das Gespräch sucht, unmoralisch.

(iv) Effizienz für sich genommen ist – wie dieses Beispiel zeigt – kein ethisch begründbares Prinzip. Jeder von uns kennt eine Menge Beispiele, wo effizientes Handeln anderer unsere Interessen verletzt. Dann ist es nur eine Frage der Fantasie, sich in die Lage derjenigen zu versetzen, die von unserem effizienten Handeln betroffen sind.

((13)) Die Tatsache, dass Effizienz je nach Kontext (Beispiel!) moralisch empfehlenswert ist oder nicht, belegt, dass diese ökonomische Norm keine moralische Qualität hat, also a-moralisch (im Unterschied zu unmoralisch) ist.

((14)) In ((HA 5)) wird die oben konstatierte Bestimmung des Gegenstands der Wirtschaftsethik auf die ökonomische Theorie erweitert auf das ökonomische Handeln. Es geht ihr „um kritische Grundlagenreflexion der normativen Voraussetzungen vernünftigen Wirtschaftens...“ Zu den normativen Voraussetzungen „vernünftigen“ Wirtschaftens gehören sicherlich auch moralische Normen, so dass die Ethik in diesem Fall nicht ins Leere greift. Im gleichen Atemzug wird jedoch eine andere Formulierung nachgeschoben, die der Ethik nochmals einen anderen Gegenstand zuweist: „Es geht ihr … um die methodisch disziplinierte, ethisch tragfähige Begründung bzw. Kritik aller Geltungsansprüche, die im Namen der ökonomischen Vernunft erhoben werden.“ Interpretieren wir den schwammigen Begriff der ökonomischen Vernunft für einen Moment mit dem der ökonomischen Theorie und bedenken, dass Theorien vor allem einen Wahrheitsanspruch erheben (sollten), so stellt Ulrich die Ethik vor die unlösbare Aufgabe, mit Hilfe des Instrumentariums ethischer Argumentation die Wahrheitsansprüche von Theorien überprüfen und kritisieren zu sollen. Eigentlich ist das die Aufgabe empirischer Forschung. Um Ulrich zu verstehen, müssen wieder unsauber formulierte ökonomische Theorien unterstellt werden, die neben dem Wahrheitsanspruch auch noch andere normative Ansprüche erheben; oft anzutreffen ist, dass auf der Grundlage gewisser menschlicher Ziele, die man so gut wie jedem unterstellen kann (Überleben, besser leben etc.), das Effizienzprinzip normativ gedeutet wird, das dann mit moralischen Regeln in Konflikt geraten kann. Es dürfte klar sein, dass sich die Ethik in diesem Konflikt nur behaupten kann, wenn sie die stillschweigend unterstellten normativen Voraussetzungen des Effizienzprinzips (Überleben, besser leben, etc.) problematisiert. Dabei sind wir dann bei einer originär moralisch-ethischen Fragestellung angelangt, die mit der ökonomischen Theorie gar nichts mehr zu tun hat.

((15)) Fasst man nun das Programm der Integrativen Wirtschaftsethik genauer ins Auge, so findet man, dass Ulrich die ökonomische Vernunft – soll heißen: die ökonomische Theorie und die Vorstellungen, die dem wirtschaftlichen Handeln zugrunde liegen – in ihrem gesellschaftlichen Kontext reflektieren und die überzogenen Ansprüche, die aus der Fokussierung auf das Ökonomische und das Ignorieren seines Umfeldes erwachsen, kritisieren will. Darüber hinausgehende Absichten könnten sich als unrealisierbar erweisen, einesteils, weil ihnen der Gegenstand fehlt, andererseits, weil dafür andere Disziplinen zuständig sind.

„Zum Ersten gilt es propädeutisch ein tragfähiges Grundverständnis philosophischer Vernunftethik im Allgemeinen zu entfalten, um von da aus den spezifischen integrativen Ansatz einer Vernunftethik des Wirtschaftens zu entwickeln und von anderen, konventionellen Ansätzen der Wirtschaftsethik abzugrenzen.“

Der erste Teil ist die Aufgabe der philosophischen Ethik, inwiefern die Integrative Wirtschaftsethik über deren Anwendung auf die ökonomische Problematik hinausgehen kann, steht zur Debatte.

„Zum Zweiten steht dann die Kritik der ‚reinen’ ökonomischen Vernunft und ihrer normativen Überhöhung zum Ökonomismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen an.“

Das sind zwei verschiedene Aufgaben. Zur Kritik der reinen ökonomischen Vernunft gehört sicherlich auch die Kritik der reinen ökonomischen Theorie. Gäbe es diese, so wäre der Ökonomismus (als normative Überhöhung der ökonomischen Theorie) gar nicht möglich. Eine Kritik der reinen ökonomischen Theorie müßte deren normativen Gehalt aufweisen und könnte auf das (normative) Umfeld aufmerksam machen, in dem es verankert ist. Soziologisch impliziert das die Kritik des Ökonomen, der sich nicht nur streng an die Unterscheidung zwischen deskriptiven und präskriptiven Sätzen hält, sondern sein Interesse ausschließlich auf den deskriptiven Teil beschränkt. Dieser Typ wird kaum die Sünde einer normativen Überhöhung der ökonomischen Vernunft begehen!

„Zum Dritten gilt es in einer dem vernunftethischen Standpunkt angemessenen Weise normative Grundorientierungen lebensdienlichen (sinnvollen und legitimen) Wirtschaftens zu klären. Zum Vierten umfasst die integrative Wirtschaftsethik eine wirtschaftsethische Topologie, d.h. eine Konzeption der ‚Orte’ der Moral des Wirtschaftens in einer modernen Gesellschaft.“

Auch diese beiden Aufgaben haben offensichtlich mit der ökonomischen Theorie und ihrer Kritik nichts zu tun, geschweige denn, dass es notwendig wäre, in ihre Tiefenstrukturen hinabzutauchen.

April 2008